E-Mail Ihre Meinung ist gefragtGerhard Schröder, Wladimir Wladimiowitsch Putin und Konstantinos SimitisDrei neue Gesichter in Europa
Weniger bei sich und beim eigenen Regierungschef aber um so mehr bei anderen und den Nachbarn fragt man sich sofort:
Provinzler oder Weltformat,alle drei sprechen neben Englisch auch Deutsch, das heißt, sie kennen auch die deutsche Provinzialität, wie es Provinzialität - wie überall - auch im neuen Deutschland reichlich gibt und weder Vorbild sein kann - natürlich, noch aber einziges oder vorwiegendes Kriterium sein sollte, die Deutschen zu beurteilen. Denn wie das eine, hat es auch das andere im Herzen Europas immer gegeben: Gestrige wie Emanzipierte.
Was heißt heute Provinzialismus?
Man muß bei einem Versuch der Definition Provinzialität natürlich unterscheiden von der bodenständigen Eigenart eines Menschen und von dem mehr strategischen Verhalten zu den provinziellen Realitäten, von denen wir nun mal umgeben sind, und mit denen wir anständig, höflich aber auch pädagogisch alle umzugehen haben, was dann oft auch so aussieht wie die Provinzialität selbst und auch oft damit verwechselt wird.
So änderte sich auch der Begriff „Provinzialismus" in den vergangenen 350 Jahren nur langsam in seiner Bedeutung, der zur Zeit des französischen „Sonnenkönigs" nur niedere Abstammung, andere, bzw. fremde Kultur und Konfession, unhöfische Kleidung und unhöfliche Umgangsformen bezeichnete.
Ludwig der XIV. war nach unseren heutigen Vorstellung aber ganz sicher eine Ausgeburt von Provizialität. Sein kleines Land galt ihm die ganze Welt, und sein kleiner Verstand die salomonische Weisheit und Gerechtigkeit selbst. „Ich bin das Recht.", wie es heute nur noch ein Zuhälter oder kleiner Depot von sich behaupten würde. Aber dennoch wurden Hygiene und Benehmen der Franzosen Vorbild für ganz Europa, denn der Impuls ging in die richtige Richtung.Rechtzeitig genug vor dem Beginn des großen Wandels der Menschheit zur globalen Weltgemeinschaft, der mit den ersten Großansiedlungen vor etwa 5000 Jahren ansetzte, womit eine neue Dimension von Mensch- und damit auch von Weltbild beginnt, wurden wir gemahnt, einerseits unsere Eltern zu lieben und zu achten und andererseits den Mitmenschen ganz allgemein. Denn sowohl Herkunft wie auch die jeweilige Allgemeinheit bekam dadurch eine neue Bedeutung, was uns erst heute recht bewußt wird, denn der anstehende Neubeginn erforderte einen neuen Konventionsmodus, und zwar einen anderen, als er bei der und für die Entstehung der Sprachen und Religionen bestand, die uns aber weiter mit der jeweiligen Herkunft vermittelt wird, für deren Entwicklung wir wohl 1 Million Jahre benötigt hatten, und dieser wird seitdem langsam durch einen neuen Konventionsmodus ergänzt oder überlagert. Das Aufeinandertreffen vieler Menschen mit verschiedenen Traditionen, Kulturen und Sprachen führte unausweichlich zu der allgemeinen Einsicht, daß sich sowenig wie die Sprache so auch die Wahrheit der Religion und Kultur eine Alleingültigkeit und Alleinrichtigkeit nicht allein nur mit dem Argument begründen oder für sich beanspruchen kann, weil sie so von den eigenen Eltern geglaubt und gelehrt wurden, eine Einsicht allerdings, die eben nicht zugleich die Verneinung oder Infragestellung der eigenen Sprache, Religion, Kultur oder gar der eigenen Eltern wie aller Eltern in ihrer Rolle bedeuten konnte und kann.
Solcherart naiver und leicht durchschaubarer eher pubertäre „Antiprovinz" trifft man in der Provinz häufig, wenn man sich durch die Demonstration von Verachtung den Anschein von Emanzipation geben will.
Die Emanzipation aber ist komplizierter.
Daß alle Welt nach Frankreich guckte und Frankreich kopierte, wo man saubere Toiletten benutzte und das Taschentuch, statt frei in der Gegend herum zu kacken, zu pinkeln, zu spucken und zu schneuzen, hieß einerseits, über den eigenen Schatten zu springen, verführt natürlich dazu, die eigene Herkunft, Tradition und Allgemeinheit nur noch nach diesem Äußeren zu beurteilen und zu werten und zu verwerfen, wie es andererseits typisch Provinz ist, die Emanzipation nur an solchem Äußeren festzumachen.
Der Verdienst des Orients und Frankreichs für unser Benehmen wird keineswegs geschmälert, wenn wir uns klar machen, daß dieser Prozeß der Zivilisation oder der langsamen Zivilisierung, wie ihn Norbert Elias, ("Über den Prozess der Zivilisation." Suhrkamp, Wissenschaft 159) eher als langsame Domestizierung oder Abfolge von Moden beschreibt, philosophisch, theologisch und ethisch mit dem Benehmen allein weder verstanden noch bewältigt ist und ohne solche Bewältigung auch weiterhin nichts als Provinzialität wäre. Denn es macht keinen prinzipiellen Unterschied, ob als Konventionsmodus die eigene oder eine fremde Allgemeinheit als Richtigkeits- oder Wahrheitskompetenz genommen wird, ob eine kleine, eine arme und schwache oder eine reiche und mächtige Allgemeinheit oder auch die Konvention der ganzen Weltgemeinschaft, der Modus bleibt der Gleiche. Aber Provinzialität ist eben nicht dieser Modus, ohne den es keine Kommunikation geben könnte und wohl auch keine Religion und Kultur gäbe, sondern provinziell ist immer der Einzelne, der die Konvention nicht für das nimmt, was sie ist, nämlich eine Konvention, sondern sie fälschlicher Weise und irrtümlicher Weise für etwas ausgibt und gar selbst glaubt, was sie nicht ist und nicht sein kann und sollte, nämlich die eigene oder grundsätzlich eine eigene Überzeugung und Identität.
Der mögliche und weit verbreitete Umstand von Provinzialität, daß eine Überzeugung, die man ja peinlicher Weise hat, eben gar nicht die eigene ist, und man sie im normalen Umgang ganz normal und berechtigt ohnehin als Konvention praktiziert, macht die Sache einerseits wegen solcher Verdecktheit kompliziert, ist andererseits aber das offene Tor für jeden aus der Provinzialität hinaus, wobei sich formal nichts verändert zu haben scheint, - was aber dennoch eine ganz neue Disposition ergibt für das Erkennen sowie für das Verhalten und Handeln. Diese neue Disposition, die man normaler Weise wohl einfach als Reflexion oder reflektiertes Verhalten umschreibt im Gegensatz zu einem verbissenen, gefangenen bzw. eben provinziellem Verhalten, bedeutet nichts weniger, als das Erkennen oder Abstecken der eigenen Situation in ihrem Kontext. Hierzu leistet das Verhältnis zu Personen etwas, was gegenüber den Theorien und gedanklichen Bauwerken jeweiliger Traditionen jener anderen Person wie der eigenen meist aber unformuliert wenn nicht undurchdacht bleibt, was dann unbewältigt quasi als Hinterhalt bestehen bleibt.
Ehe ich aber die Problematik des Unbewältigten angehe, möchte ich die Chance und die positiven Seiten jener nicht-mehr-provinziellen nun mehr weltmännischen Disposition bereits würdigen, die wir heute gottlob in allen Gesellschaften, Religionen, Regimen und Kulturen finden können und auch ansprechen sollten. Während nämlich der Provinzler mehr oder weniger explizit nicht nur jedem Anderen an Eigenart, Kultur, Religion und selbst Sprache die Ungültigkeit auch als Unwert vorhält und androht, sondern auch vom Anderen für sich selbst nichts anderes an Urteil und Verhalten erwartet, und damit den Anderen wie auch sich selbst in einer defensiven wie aggressiven Disposition festnagelt und dabei jede Zugänglichkeit nur als gefährliches Tor für Heimtücke und Verschlagenheit berücksichtigt, bedeutet die Emanzipation beiderseits, daß man jeweils beiderseits beiderlei Interessen versteht, verständlich macht und arrangieren kann, und wobei die Emanzipation nur einer Seite sie dieser ermöglicht,
Die chinesische, indische, sumerisch-persische, die ägyptisch-jüdische, die griechische und morgen- wie abendländische Theologie samt der sog. Aufklärung haben sicher auch philosophisch zur Entwicklung und zum Verständnis beigetragen, dennoch ist bis heute - obwohl niemals in der Weltgeschichte so hohe und so viele Honorare für Philosophie und Theologie gezahlt wurden, - die unterschiedliche Bedeutung von Herkunft, Familie, Sprache und Kultur als persönliche Identität einerseits und andererseits der Bedeutungsunterschied als Intention, Absicht und Handlung in unserem individuellen wie sozialen Verhalten in einer nun größeren Weltgemeinschaft weder verstanden noch recht thematisiert, obwohl alle Politiker längst gezwungen sind, nach beiden Kriterien vernünftig, rationell und auch verständlich zu handeln.
Lächerlich ist dabei ja nicht die Tradition selbst und vor allen Dingen nicht das Eigene der Tradition, die uns viel Weisheit und Orientierung vermittelt,provinziell ist, lächerlich ist,
Fortsetzung folgt
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