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Der Tagesspiegel berichtete über ein Kuriosum des 21. Jahrhunderts:
Ein Künstler wählt als Motiv den Begriff einer öffentlichen
Einkaufskette und gerät dadurch in ärgste mittelalterliche Schwierigkeiten
ähnlich einer damaligen Gotteslästerung.
Siehe beiliegenden Artikel aus dem Tagesspiegel vom
2. Juni 2000. (oder www.Tagesspiegel.de)
Um was geht es: So wie es Segelschiffe, Seerosen und die mächtigen Niagarafälle gibt, die zum künstlerischen Motiv avancierten, so gibt es gottlob auch ALDI, der sich einst gegen häßliche und von großen Handelsketten abgesprochene Intrigen und kriminelle Machenschaften behaupten konnte und gottlob weiterhin kann. Dies alles ist sowohl öffentliche Realität wie potentielles Motiv, dessen Existenz von unserem „Aldikünstler" sowenig gefährdet werden soll noch könnte, wie kein Aquarell die Niagarafälle verschlucken und gefährden würde, was höchstens im vorletzten Jahrhundert noch einige Afrikaner oder Indianer glauben mochten, als sie zum ersten Mal eine Kamera und die produzierten Bilder sahen. Aber jener Aberglaube bzw. jene Aberfurcht war wohl keineswegs so abwegig, wie es scheinen könnte.
Nun gibt es gottlob auch den Begriff ALDI, der über die Bezeichnung
einer Ladenkette hinaus in sehr komplizierter Weise, alles Obige
noch mit beinhaltet, wie z.B. auch den aufgesprühten verzweifelten
Hilferuf, „ALDI lebt", den man nach der Wende im Osten an den Wänden
der Kaiser’s-Kaffee-Geschäfte lesen konnte, als diese noch zu unverschämt
überteuerten Preisen den Ossis das neue „Westgeld" aus den Taschen
zogen.
Beim Konkurrenzkampf der Giganten ist gottlob inzwischen aber auch
ALDI überall im Osten vertreten, der sich dafür die besten Anwälte
der Welt leisten mußte, was ebenso reale Wirklichkeit unserer Welt
ist, wie die Niagarafälle, wenn dieses auch kaum sichtbar und nur
indirekt z.B. in jenem aufgesprühten Hilferuf „ALDI lebt" allgemein
erfahrbar nun der gedanklichliche oder mentale, aber dennoch reale Teil
des Begriffs ALDI ist.
Aber auch darum geht es hier noch nicht.
Was seit Menschengedenken bis heute nicht verstanden ist, ist nämlich
diese weitere, rein gedankliche oder mentale Seite oder Eigenschaft des
Begriffs, um die es hier geht, die genauso Realität wie gewaltig ist,
wie die Niagarafälle, wenn wie in diesem Fall die Verbegrifflichung
eines Namens Thema und Motiv wird, was spätestens seit DADA auch in
der arrivierten Kunstszene ganz normal ist, in der nun der allgemeine Begriff
ALDI, wenn er auch quasi nur als Epiphänomen der Bezeichnung
für ein Milliardenunternehmen mit den besten Anwälten der Welt
existiert, die nun aber quasi als nur am Honorar orientierte Wachhunde
oder mechanische Wachinstitutionen ganz ähnlich reagieren, wie man
einst im Mittelalter z.B. beim ungewünschten Verständnis biblischer
Begriffe zu inquisitorischen Machtmittel griff, wodurch bei solcher Gedankenkontrolle
sicher ebenfalls ungewollt aus Priestern Wölfe und Bestien und aus
Gläubige Opfer für Marter und Scheiterhaufen wurden. Unverstanden
dabei war und ist bis heute die Frage, in welcher Weise ein Begriff, wenn
er Teil der allgemeinen Sprache und des Denkens geworden ist, überhaupt
existiert, in welcher Weise er seine Bedeutungen hat, wer dieses kontrolliert
und wem der Begriff gehört, was sich ganz grundsätzlich unterscheidet
von der juristisch leicht klärbaren Frage, wem der Name gehört.
Der allgemeine Begriff „ein Tisch" z.B. ist dennoch durchaus real und
kann sehr viel bedeuten, und er kann Motiv und Thema sein, aber er fliegt
nun mal nicht wie ein Gegenstand durch die Lüfte mit klar sichtbaren
Aufschriften oder angehefteten Bedeutungen und Denkvorschriften, wozu einst
Plato die irrige Vorstellung entwickelte, als lebten diese Begriffe in
einer besonderen göttlichen Welt der Ideen, was aber etwas ganz anderes
ist, als der Name oder die Bezeichnung wie „dieser Tisch hier" für
einen bestimmten realen Gegenstand. Und was sich hier analog zum Mittelalter
thematisiert, ist ja keinesfalls nur so, als würde von einer beflissenen,
gutbezahlten Anwaltsmaschinerie, vor der selbst die akademischen Eltern
des Aldi-Künstlers furchtsam und gefügig zurückschrecken,
mit Kanonen auf Spatzen geschossen, sondern auf einen ganz verständlich
bis zur Irrationalität verschreckten Menschen und Künstler, dessen
Motiv, nämlich der ALDI-Begriff als mentaler Betandteil des Menschen,
ja nicht etwas wäre, das vor der Öffentlichkeit geheimgehalten
werden müßte oder könnte, sondern das ja längst eben
ein öffentlicher Begriff ist, wie es der einst aufgesprühte Hilferuf
„ALDI lebt" verdeutlicht. Nun sind offensichtlich Anwälte und Richter
genausowenig Sprachwissenschaftler und Philosophen wie einst die Theologen
und Scharfrichter im Mittelalter und sind wohl auch als Kunsttheoretiker
überfordert.
Entmündigung, Irrenhaus, Chemie und Gefängnis - wie nicht anders die angedrohten in der Tat wahnsinnigen Strafgebühren von ½ Million - sind wie in diesem Fall - die möglichen Erpressungs- und Folterinstrumente unserer Zeit, wenn sie Norm oder „Normalität" für den Gebrauch eines Begriffes, nämlich für etwas rein Gedankliches, erzwingen sollen, was eben keineswegs normal ist wie aber auch nicht irreal sondern als Epiphänomen weltweiter Großunternehmen einer globalisierten Welt geradezu gigantisch wie offensichtlich auch problematisch und somit durchaus auch ein Motiv, was als Ereignis aber nun zur Dimension der Kunst und nicht ins Mittelalterliche gehört, meine ich.
©Friedhelm Schulz, Berlin, den 12. Juni 2000
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Der Tagesspiegel
vom 2. Juni 2000
Mark Albrecht nennt sich "Aldi"
Verrückt machen gilt nicht -
Der Maler kämpf um seinen
Namen und gegen die
Entmündigung
Kai Müller
Das Wichtigste, sagt er, das
Wichtigste sei jetzt, dass er seine
Bilder verkaufen kann. Mark Albrecht
legt Dia-Abzüge auf den Kneipentisch.
Sie zeigen seine Bilder, gelbe und
weiße Farbflächen, darauf der
Schriftzug "ALDI", in fetten schwarzen
Lettern. "Porträts" nennt Mark Albrecht
diese Bilder, die sich in seinem Atelier
stapeln. Lange hat er sich nicht von
ihnen trennen können. "Sie sind Teil
meines Lebens. Aber wenn ich sie jetzt
verkaufen würde, dann könnte ich die
Vorwürfe widerlegen." Denn ein
Künstler, der für verrückt erklärt wird,
aber Erfolg hat, ist weniger schutzlos.
Neben die Dias hat Albrecht einen
Ordner gelegt: Urteilsverkündung,
Kostenrechnung und
Pfändungsbeschluss. Es schließt sich
ein Briefwechsel mit den
Amtsgerichten in Mitte und Tiergarten
an. Schließlich die mehrfache
Aufforderung, sich im Gesundheitsamt
Tiergarten für eine Unterredung mit
dem Psychologen einzufinden. Es ist
die Dokumentation eines Falles, der
mit einem Prozess gegen die
Lebensmittel-Kette Aldi begonnen und
der zwangsweisen Vorführung vor
einem psychiatrischen Gutachter einen
vorläufigen Höhepunkt erreicht hat.
Dazwischen liegt Albrechts Ringen um
künstlerische Autonomie.
Mark Albrecht, 1969 in Salzgitter
geboren, nennt sich "Aldi". Der Name
sei ihm in seiner Jugend von Freunden
verliehen worden. Ein Spitzname also.
"In der Kunst ist es sehr wichtig, von
wem ein Werk geschaffen wurde", sagt
er, "wessen Name darunter steht, ob
es die Signatur Picassos oder Dalis
trägt." Dass seine Signatur dem
Firmenlogo der Gebrüder Albrecht
nachempfunden ist, ja selbst die
Farben - blaue Schrift auf gelbem
Grund - sich am Erscheinungsbild des
Billigdiscounts orientieren, kümmert
ihn nicht. "Die Bilder", erläutert er,
"sind extrem egozentrisch. ALDI, das
meint niemand anderen als mich." Als
er den Namen 1998 beim Patentamt
schützen ließ, wurde der
Lebensmittelkonzern Aldi auf den
Künstler "Aldi" aufmerksam und reichte
eine Unterlassungsklage ein. Es kam
zum Prozess. Albrecht wurde
untersagt, den Namen "in
Alleinstellung" zu führen. Bei
Zuwiderhandlung muss er mit einer
Strafe von 500.000 Mark oder einer
Ordnungshaft von sechs Monaten
rechnen. Deshalb nennt er sich jetzt
"Maler Aldi". Die Kosten des Verfahrens
in Höhe von 8644 Mark 33 wurden ihm
ebenfalls auferlegt. Er weigerte sich,
das Geld zu bezahlen. Als die
Gerichtsvollziehrin seine Wohnung
begutachtete, kam sie zu dem Schluss,
dass er so viel nicht besitzt.
Von der Stasi verfolgt
"Ich habe ihm unbedingt geraten,
diesen Prozess, den er nur verlieren
konnte, nicht zu führen." Rolf
Coeppicus war 22 Jahre Richter am
Amtsgericht Oberhausen. Er ist
Spezialist für Unterbringungsfragen
und ein enger Freund der Familie
Albrecht. Er ist überzeugt davon, dass
der 31-Jährige an Verfolgungswahn
leidet. Er schlafe nachts im Freien,
berichtet der Richter, weil er sich in
seiner Wohnung von der Stasi abgehört
fühle und der Nachbar ihm angeblich
giftige Gase ins Zimmer leite. Sogar
den verlorenen Prozess habe er seinem
Anwalt angelastet. Der Richter ist
erregt. Es empört ihn, dass der
Sozialpsychiatrische Dienst in Berlin es
nicht für nötig erachtet, sich Albrechts
anzunehmen. Stattdessen diese Kunst.
"Es ist für einen Psychopathen
charakteristisch, dass er sich im
Mittelpunkt sieht. Seine Bilder haben
nichts Originäres, sie bestehen
lediglich in der Kopie eines
Firmenlogos. Aber weil er sich damit
identifiziert, wird er niemals andere
Bilder malen als diese."
Albrecht bezeichnet seine Kunst als
"21. Abstraktivismus". Schrift- und
symbolische Zeichen, wie Logos oder
Werbesprüche, gestalteten die
Wirklichkeit. Und er fordert, die Kunst
müsse auch Werbe-Ikonografien
uneingeschränkt aufgreifen dürfen. Bei
dem ersten Versuch, eine reduzierte,
metaphorische Bildsprache zu
entwickeln, porträtierte er eine
Prostituierte. Er besuchte sie in der
Oranienburger Straße, um sich ihre
Lebensgeschichte erzählen zu lassen
und kritzelte, was er hörte, auf eine
mitgebrachte Leinwand. In großen,
sperrigen Lettern stand schließlich
"SIE", mal über oder unter seinem
eigenen Idiom "ALDI". Porträts von
Christoph Schlingensief und Dieter
Lund entstanden nach dem selben
Schema.
"Als ich nach der Fertigstellung meiner
ersten Serie Schwierigkeiten hatte,
einen Ausstellungsraum zu finden,
sahen meine Eltern darin den Beweis,
dass ich es als Künstler nicht schaffen
würde." Der Vater, Ingenieur, die
Mutter, Innenarchitektin, gehören
einem liberalen Millieu an, in dem
Bildung groß geschrieben wird und
Leistung eine Tugend ist. Aber Albrecht
möchte sich heute nicht mehr
festlegen lassen. Er vertrete nicht
Meinungen, sondern gebe Ansichten
wieder, bringe Argumente ins Spiel, um
zu sehen, was passiert.
Noch bevor es im Herbst letzten Jahres
zur Zwangsvollstreckung durch die
Firma Aldi kam, wurde auf Betreiben
des mit den Eltern befreundeten
Richters ein Betreuungsverfahren
gegen "Aldi" Albrecht eingeleitet. Es
bestehe der Verdacht, hieß es, dass er
seine Angelegenheiten alleine nicht
mehr regeln könne. Er bat um eine
Begründung. Sie blieb aus. "Was mich
am meisten aufgeregt hat: Dass meine
Anfragen stets kommentarlos mit
neuerlichen Terminaufforderungen
beantwortet wurden." In dieser Zeit
habe er auch den Kontakt zu seinen
Eltern nicht mehr aufrecht erhalten
können. Sie hätten getan, als würde es
das Verfahren gegen ihn gar nicht
geben. Man warf ihm vor: "Das
Verfahren bildest du dir auch nur ein."
Die Angst, dass seine Äußerungen
gegen ihn verwendet werden könnten,
ist groß.
Das Verfahren sei gar nicht das
eigentliche Problem, wendet die Mutter
ein, "sondern dass er sich ihm
vollkommen entzieht". Dabei stimmte
ihr Sohn einer Untersuchung zu, unter
der Bedingung, dass er das Gespräch
mit dem Psychologen auf Video
aufzeichnen dürfe. Er ist Künstler, sagt
er, und bringt seinen Fall auf
Kunstmessen in Köln, Frankfurt,
Brüssel und Venedig zur Sprache.
"Verrücktheit ist auch ein
Marketingwert." Albrecht sagt es wie
jemand, der sich auf dem Schafott über
Kopfschmerzen beklagt.
Irrsinn als Marketingkonzept
Er lebt von dem Geld, das er durch
einzelne Bilderverkäufe und von seinen
Eltern erhält. "Wann wird er verdienen?
Wann wird er selbstständig leben
können?", fragen sie sich. Und Richter
Coeppicus sagt: "Wer so erfolgreich
war in der Schule, wie dieser Junge,
der wird von niemandem unter Druck
gesetzt." Ihm ist unverständlich,
warum die Behörden so nachsichtig
reagieren. "Das ist abartig, dass der
Mann sein Leben noch vor sich hat und
geheilt werden könnte und dass seit
Monaten nichts geschieht." In der
vergangenen Woche wurde er aus
seiner Wohnung geholt und einem
Psychologen vorgeführt. Er bot an, sich
mit ihm zu unterhalten - und ließ ihn
gehen, als Albrecht sich abermals
weigerte. Es sei ihm lieber, sagt er,
eine vermeintliche Psychose zu
vermarkten, als sich einer Behandlung
zu unterziehen. "Mir wurde eine
medikamentöse Therapie angedroht.
Das ist beängstigender als die
Aussicht, 500.000 Mark bezahlen oder
ins Gefängnis zu müssen."
Mark Albrechts Atelier (Am Treptower
Park 28-30, Haus C / Aufgang IV / DG)
kann am Samstag von 14-19 Uhr im
Rahmen der Treptower Kulturtage
besichtigt werden.
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