Kapital, Globalisierung, Fundamentalismus und Terrorismus: Chance und Hinderniss für die Vernunft.
Optimisten der Entwaffnungs- und Friedensaktion sehen und setzen auf die Chance der Globalisierung, die jetzt in Mazedonien nicht anders als in Palästina Weltöffentlichkeit und Vernunft mit der Selbstverständlichkeit von Humanismus, Menschlichkeit und emanzipierter Zivilisation gleichsetzt. In Jugoslawien verbindet sich diese Vernunft inzwischen mit den Namen Kostunica und Djindjic, die nicht nur Realismus, Rechtstaatlichkeit und Menschlichkeit, sondern auch Zukunft und ein friedliches Miteinander in der Völkergemeinschaft bedeuten.
Die Pessimisten der Entwaffnungsaktion sehen im Gegenteil die bewaffneten
Terroristen als Erpresser, die genau diese selbstverständliche Menschlichkeit
der Weltöffentlichkeit, die ein Blutbad in Mazedonien verhindern will,
benutzen, um Tetowo und womöglich ganz Mazedonien als Geisel nehmen
zu können.
In den Augen von Geiselnehmern bedeuten Geisel und Waffen sowohl Kapital
wie Macht, Initiative und Weltruhm. Für einfache und gewissen- wie
gottlose Menschen sicher eine Versuchung. Und wer den süßen
Honig solcher Macht, solcher Weltöffentlichkeit einmal genossen und
noch in Händen hat, so fürchten die Pessimisten, opfert lieber
das Leben tausend anderer und auch das eigene, als daß er dieses
Kapital wieder aus den Händen gibt.
Es wird wohl noch zehn oder zwanzig Jahre dauern, bis die zivilisierte
Welt reif ist und sich auf eine Art polizeiliches Instrumentarium geeinigt
hat, das sowohl technisch, politisch wie organisatorisch und taktisch solche
Pestbeulen der Menschheit verhindern und notfalls kurz und schmerzlos beseitigen
kann.
Das Instrumentarium der Information gehört letztlich aber zur
Chance der Globalisierung. In Mazedonien werden die Albaner so oder so
zeigen, wer und was sie sind. Ein Verbrecher kann sich nicht hinter Gott
verstecken, eben auch nicht hinter dem Islam.
Zu solcher Reife gehört allerdings - wie in der Finanz-, Bildungs-
und Informationspolitik - ein Mindestmaß an Einsicht und Redlichkeit.
Pessimisten werden befürchten, daß sich mit solchem Instrumentarium
auch Recht verhindern und Unrecht zementieren läßt, was
noch vor hundert Jahren ganz selbstverständlich das Privileg jeder
Nation war, Unterdrücker wie Unterdrückte. Gerade dieses Unrecht
noch jüngster Geschichte sollte man nicht vergessen und beschönigen,
- und deswegen auch nicht zum Maßstab und zur heutigen Handlungsmaxime
und Handlungsbegründung machen. Kein Unrecht kann ein anderes ungeschehen
machen und bedeutet nichts weniger, als wenn sich Diebe nachträglich
um die Beute streiten.
Es ist die Notwendigkeit zur Vernunft, die den heutigen Optimismus
als neue politische Dimension geradezu erzwingt. Natürlich sind wir
keine besseren Menschen als unsere Urgroßväter. Dennoch erkennt
der Optimist, daß die menschliche Verschlagenheit, Grausamkeit und
Unmenschlichkeit sich immer weniger mit politischer, ideologischer
oder religiöser Legitimität vertuschen oder rechtfertigen läßt
und lassen darf, ohne diese selbst vor aller Welt zu diskreditieren.
Friedhelm Schulz, 23. August 2001
zurück - benutze bitte den Browser