Einige Fragen. An der Wand hängt ein Bild: Es zeigt
ein Rennpferd mit Bäumen im Hintergrund, die Buchen sein könnten,
und einen Stalljungen, der im Vordergrund mit einem Eimer hantiert. Daß
das Bild alle diese Dinge zeigt und daß alle diese Dinge und einiges
mehr auf dem Bild sichtbar sind, steht außer Zweifel. Was aber macht
dieses Gemälde zum Bild von einem Rennpferd, von Bäumen und einem
Menschen? Noch allgemeiner gefragt: Was macht ein »naturalistisches«
Gemälde oder eine Fotografie zu einer Darstellung des jeweiligen Sujets?
Und wie — wenn überhaupt —verändert sich die Situation, wenn
wir zu so »konventionellen« Darstellungen wie Karten, Diagrammen
oder Modellen iibergehen? In welchem Maße tragen »Konvention«
oder »Interpretation« zur Konstituierung einer Beziehung zwischen
einer Darstel-lung und ihrem Sujet bei?
Diese Art von Fragen möchte ich (wenn auch nicht alle an dieser
Stelle) mehr in der Hoffnung auf eine Klärung der Fragen selbst als
in der Hoffnung auf eine akzeptable Antwort erörtern. Denn die Hauptschwierigkeiten
der Untersuchung ergeben sich aus der Unklarheit von Wörtern wie »Darstellung«,
»Sujet« und »Konvention«, die einem ganz natürlich
vorkommen und die ohne ermüdende Paraphrasierung nicht vermieden werden
können.
Erste Bedenken. Lohnt es sich überhaupt, so ungenaue
und verworrene Fragen zu stellen? Sind es nicht vielmehr Symptome für
den Kitzel des Philosophen, über das zu rätseln, was allen anderen
als unproblematisch erscheint? Nun, der Kitzel ist auch für Laien
ansteckend. Verwirrend an der Sache ist, wie wir bald sehen werden, daß
auch die plausibelsten unter den naheliegenden Antworten schwerwiegenden,
wenn nicht sogar unwiderlegbaren Einwänden ausgesetzt sind. Schon
Teilantworten haben Konsequenzen für so verschiedene Gegenstandsbereiche
wie Wahrnehmung und Erkenntnis, für die Struktur von Symbolsystemen,
die Bezie-hungen zwischen Denken und Empfinden sowie für die Ästhetik
der bildenden Künste. Allein schon die Einsicht in die Gründe,
weshalb Fragen zur Darstellung eine solch außergewöhnliche Uneinigkeit
hervorrufen, wäre lohnend genug für etwas, das zu einer schwierigen,
wenn nicht gar ermüdenden Untersuchung zu werden droht.
Einige Gebrauchsdefinitionen. Wenn ein Gemälde— oder eine andere
visuelle Darstellung, z. B. eine Fotografie — ein Gemälde von etwas,
S, ist, werde ich sagen: P bildet S ab; oder anders ausgedrückt: P
steht in einer Abbildungsbeziehung.zu S. An dieser Stelle könnten
sich jedoch Mißverständnisse ergeben.
Nehmen wir an, P zeige George Washington bei der Überquerung des
Delaware. Dann ist P derart auf die tatsächliche Überquerung
des Delaware durch Washington im Jahre 1776 bezogen, daß es als mehr
oder weniger treues oder ungenaues Gemälde jener historischen Episode
beurteilt werden kann. Ich will das historische Ereignis jedoch nicht als
Spezialfall des im vorigen Abschnitt ein-geführten Sujets S verstanden
wissen. Nehmen wir als Gegenbeispiel ein anderes Gemälde, das Hitler
bei der Überquerung des Hudson im Jahre 1950 zeigt: Hier gibt es kein
tatsächliches Ereignis, das zur Überprüfung der Treue des
Gemäldes dienen könnte; gleichwohl wollen wir auch hier davon
sprechen, daß das Gemälde ein »Sujet» habe, das
von ihm abgebildet wird.
Wir wollen Washingtons Überquerung des Delaware, auf die das Gemälde
sich bezieht, die Originaiszene nennen; und der Genauigkeit halber wollen
wir sagen, daß das Bild die Szene nicht bloß abbildet, sondern
schildert. Das Gemälde von Hitlers fiktiver Flußüberquerung
besitzt dann keine Originalszene, die es schildert; hingegen kann man sagen,
es zeige ein bestimmtes Sujet. Schildern und Zeigen gelten somit als Spezialfälle
des Abbildens.
Das gezeigte Sujet könnte als Inhalt der visuellen Darstellung
aufgefaßt werden. Ich werde mich insbesondere mit der Abbildung im
speziellen Sinne des »Zeigens« befassen und dementsprechend
mit jenem »Sujet« eines Gemäldes, das sein »Inhalt«
und nicht seine , »Originalszene« ist. Wo es der Kontext erlaubt
und keine anderen Hinweise gegeben werden, kann der Leser deshalb von nun
an »abbilden« und »zeigen« als synonym betrachten.
Es sollte daran erinnert werden, daß ich mich nicht von Anfang
an darauf festgelegt habe, daß zwischen »Sujet« und «Originalszene«
immer eine irreduzible Differenz besteht. Noch wichtiger ist, daß
ich mich nicht— wie die Rede über die Beziehung zwischen P und S irrtümlicherweise
andeuten könnte — auf die Existenz des «Sujets« als unabhängige
und selbständige Entität festgelegt habe. Mit allem bisher Gesagten
ist verträglich, daß S-zeigen sich als ein einheitliches Prädikat
erweisen könnte, das keine Implikationen hinsichtlich der Existenz
oder Nichtexistenz von S mit sich führt. Das Vorkommen von S in »S
abbilden«.könnte somit »intensional« und nicht »extensional«
sein.
Auf der Suche nach Kriterien. Ein ehrgeiziger Leser unserer Frageliste erwartet möglicherweise eine analytische Definition von zeigen oder S-zeigen, d. h. irgendeine Formel von der Struktur:
(Einfügung von mir, Friedhelm Schulz: Wir sehen in diesem hier angesprochenen Optimismus, daß nämlich Sprache sich selbst verständlich machen könne, eine für Europa typisch britische und in ganz Europa oft imitierte Haltung, die von der geographischen »Natürlichkeit« einer britischen Inselgrenze über das Gefühl einer »natürlichen« britischen Nationalität über die »Natürlichkeit« eines Sprachbereiches zur Überzeugung einer »natürlichen« Existenz von Sprache und damit zu einer dogmatischen Allgemeingültigkeit der britischen Sprache gelangt - wie etwa die Existenz der Tierart Elephant für solches Tier in den Augen aller Menschen ganz »natürlich« in einer quasi genetischen Dogmatik allgemeingültig ist, was natürlich Aberglaube wäre, wenn man darunter Alleingültigkeit verstünde, - was wohl kein Brite tut, der eine andere Sprache spricht - . Es ist ein Nachteil und Vorteil der Deutschen, noch nie solche natürlichen Grenzen besessen zu haben, weswegen als Nachteil sowohl die Grenzen wie dann auch der Sprachbereich in Nachahmung des britischen Gültigkeitsanspruches künstlich gemacht werden mußten und immer künstlich blieben, weswegen als Vorteil - zumindest theoretisch - das Künstliche der Grenzen wie auch des Sprachbereiches und ihrer Gültigkeit als Problem deutlich blieben, mit der minderen Versuchung, ihr ein selbständiges natürliches Eigenleben zuzuschreiben, als könne sich Sprache - unabhängig vom Sprecher - irgendwie verständlich machen, wie es Max Black hier anführt. Dieser Aspekt ist in der Kunsttheorie als britisches Problem von untergeordneter Bedeutung, wenn auch als Problem von heimlichem Dogmatismus als nationalistisches und faschistoides ganz wesentlich. Denn was im britischen Nationalgefühl als Grenze quasi durch die Natur gegeben und quasi durch die Natur dogmatisiert ist wie das Gen eines Elephanten, wurde gerade mit den Demokratisierungen im übrigen Europa - oft ja auch nach britischem Vorbild - zu künstlichen Dogmen, die sowohl Verschlagenheit, wie Fanatismus, Faschismus und Terrorismus im alten Europa des vergangenen Jahrhunderts und heute im größten Teil Europas zwar vernünftig gemildert, aber z.B. in Jugoslawien und Palästina das Hauptproblem, nämlich ein Problem des menschlichen Verstandes darstellt.
Was bei Max Black hier deutlich wird, ist, daß bei solchen sprachanalytischen Statements der Sprachbereich einer Sprache als ihre ganz selbstverständliche Voraussetzung übersehen wird, weil er als ganz selbstverständlich scheinbar übersehen werden kann, obwohl sich genau damit eine Dogmatik ihrer Natürlichkeit so recht und heimtückisch einschleichen und verstecken kann. Hieraus ergibt sich kein Vorwurf gegen die Briten, sondern unterstreicht die aktuelle Wichtigkeit solcher Überlegungen.)
Ein grundsätzlicher Einwand. Die Suche nach analytischen
An-wendungskriterien für >zeigen< erinnert an die vielen mißlungenen
Versuche, partielle oder umfassende Analysen der Wortbedeutung zu liefern.
Gewiß liegt hier möglicherweise mehr als nur eine Analogie vor.
Von einem verbalen Text können wir— unter Wiederholung einiger früherer
Formulierungen — mit Recht sagen, daß er eine Beschreibung oder Darstellung
von einer Szene, einer Situa-tion oder einem Sachverhalt ist, der via »Inhalt«
des Texts präsentiert wird und der möglicherweise einer verifizierenden
Tatsache (dem Analogon zu unserer ,,Originalszene«) entspricht. Es
ergeben sich somit Fragen, die den von mir hervorgehobenen Fragen zur bildlichen
Darstellung zu entsprechen scheinen. Einige Autoren versuchen tatsächlich,
die beiden Fragetypen einander gleichzusetzen und beziehen dabei ihre explanatorischen
und analytischen Begriffe aus dem Bereich der Wortsemantik.
Gibt es nun gute Gründe für die Annahme, daß die Suche
nach einer Begriffslandkarte der Wortbedeutung zwangsläufig mißlingen
müsse? Der verstorbene John Austin schien diese Ansicht zu vertreten
(vgl. Austin, 1961), aus Gründen, die offenbar in Publikationen nicht
diskutiert wurden.
Austin stellt die Suche nach der Bedeutung eines einzelnen Worts oder
Ausdrucks dem gegenüber, was er als illegitime Suche nach der Bedeutung
im allgemeinen auffaßt. Er erinnert uns daran, daß die erste
Art von Fragen dann beantwortet ist, wenn wir »die Syntax«
des betreffenden Wortes »erklären« und dessen »Semantik
aufzeigen» können, d. h. wenn wir die grammatischen Bedingungen
für den Ausdruck und seine ostensiven und quasi-ostensiven Verbindungen
mit nichtverbalen Gegenständen und Situationen (wo dies angemessen
ist) angeben können. Sodann wendet Austin freilich ein, daß
die vermeintlich allgemeinere Frage »Was ist die Bedeutung eines
Worts-im-allgemeinen?« eine Scheinfrage ist. »Ich kann
eine Frage von der Form >Was ist die Bedeutung von >X< nur dann beantworten,
wenn "x" ein bestimmtes Wort ist, nach dem ich gefragt werde. Die vermeintlich
allgemeine Frage ist in Wirklichkeit nur eine Scheinfrage eines Typs, wie
er gemeinhin in der Philosophie vorkommt. Wir können ihn den Fehlschluß
des Fragens nach »nichts bestimmtem« nennen, eine Praxis die
der einfache Mann beklagt, der Philosoph hingegen als >Verallgemeinerung<
bezeichnet und mit einiger Wohlgefälligkeit betrachtet«.
(Meine Einfügung, Friedhelm Schulz: Dies trifft entsprechend zu, wenn ich fragen würde, was ist der geographische Sprachbereich einer Sprache, was nicht allgemein beantwortet werden kann, solange es mehr als eine Sprache gibt.)Wenn Austin recht hätte, wäre unsere Hauptfrage nach der Bedeutung von »P ist ein Gemälde von S« einem ähnlichen Sinnlosigkeitsverdacht ausgesetzt, da wir sie nicht für ein bestimmtes Gemälde stellen, sondern für Gemälde im allgemeinen. Soweit ich dem Gedanken Austins zu folgen vermag, scheint er zu besagen, daß die zurückgewiesene allgemeine Frage nach der Bedeutung eines Worts im allgemeinen leicht als Suche nach einer einzelnen Bedeutung aufgefaßt werden kann, die allen Wörtern gemeinsam ist. Und wenn er recht hätte wäre unser Problem ein ähnlich lächerlicher Versuch, ein einziges, allen Gemälden gemeinsames Sujet zu entdecken. So verstanden wäre die Fragestellung tatsächlich eine Scheinfrage, wenn nicht gar eine alberne Verwirrung.
124
würde dies die vermeintlichen Gegenbeispiele mit natürlichen
Gegenständen oder Gegenständen unbekannter Herkunft, die von
konventionellen Fotografien einfach ununterscheidbar waren. ausschließen.
Bei diesem imaginären Einwand wird offensichtlich auf eine ganz andere
Art von Kriterium Bezug genommen: auf die Intention, die den Kausalvorgang
auslöste. Sie erfordert eine getrennte Diskussion. Zunächst wollen
wir jedoch die Vermutung untersuchen, der Begriff der »Information«
liefere den Schlüssel, den wir suchen.
Die Bezugnahme auf die verkörperte »Information«.
Wie ich bereits gesagt habe, würden einige Autoren unsere Verwirrung
über die verschwommene Fotografie durch das »Fehlen hinreichender
Information« auf dem endgültigen Abzug erklären. In einem
allgemeineren Sinn wird der Ausdruck, der vermutlich durch den in der mathematischen
Kommunikationstheorie konzipierten Begriff angeregt wurde, als brauchbar
erachtet, um die begrifflichen Schwierigkeiten aufzulösen, die wir
zu erhellen suchen.(Anmerkung 6)
Die Vorliebe für das Reden über die in Darstellungen enthaltene
»Information« — und auch für die Verwendung des Begriffs
in fast allen denkbaren Diskussionen — ist sicherlich geprägt durch
die vermeintlichen Erfolge des Begriffs der »Information«,
der gewöhnlich mit dem Namen Shannon in Verbindung gebracht wird,
in verfeinerten mathematischen Theorien, (Anmerkung 7) Es kann jedoch gezeigt
werden, daß die beiden hier in Frage kommenden Bedeutungen von ,
»Information« kaum etwas miteinander zu tun haben.
Vergewissern wir uns kurz, was »Information« im Kontext
der mathematischen Theorie bedeutet. Erstens ist festzuhalten, daß
wir es in jener Theorie mit einem statistischen Begriff zu tun haben, den
wir, um Unklarheiten zu vermeiden, fortan als »selektive Information«
(Anmerkung 8) bezeichnen wollen. Die typische Anwendungssituation für
die mathematische Theorie ist eine, bei der ein bestimmter Vorrat möglicher
»Botschaften«, die als alternative Schriftzeichen in einem
»Alphabet« (Buchstaben, Ziffern oder Energieimpulse) betrachtet
werden können und denen Bedeutung nicht notwendig zugeschrieben wird,
in Signale enkodiert, durch einen »Kommunikationskanal« an
einen Empfänger übermittelt und dort dekodiert werden und die
ursprüngliche »Botschaft« genau reproduzieren. So werden
zum Beispiel einzelne Buchstaben des englischen Alphabets in elektrische
Impulse in einem Telegraphendraht verwandelt, um am anderen Ende eine Kopie
der ursprünglichen
»«
125
Buchstabenreihe zu produzieren, aus der sich die komplexe gesendete
Botschaft zusammensetzt.
In einer groben, mit einem derartigen Kommunikationssystem zusammenhängenden
Erklärung des Begriffs der »selektiven Information« würde
dieser mit dem Grad der »Reduktion anfänglicher Ungewißheit«
gleichgesetzt, den ein solches System erzielen kann. Nehmen wir an, daß
die verschiedenen möglichen Botschaften mi bekanntermaßen mit
langfristiger Häufigkeit oder Wahrscheinlichkeit pi auftreten. Wir
könnten dann sagen, daß die durch den Empfang einer einzelnen
Botschaft mi übermittelte Information umgekehrt zu ihrer ursprünglichen
Wahrscheinlichkeit des Auftretens, pi, variiert. Je höher die anfängliche
Wahrscheinlichkeit der Übertragung ist, desto »weniger lernen
wir« durch den Empfang der Botschaft. Wenn die fragliche Information
im Grenzfall mit absoluter Sicherheit eintreffen sollte, dann würden
wir durch ihren Empfang »nichts lernen«. Die mathematische
Quantität, (selektive) Information genannt, ist das Maß für
den Betrag einer bestimmten Größe — grob gesprochen für
die Reduktion im Betrag anfänglicher Ungewißheit über den
Empfang, wie ich oben angedeutet habe. Es muß betont werden, daß
dies mit der Bedeutung einer solchen Botschaft — sofern sie überhaupt
eine hat —nichts zu tun hat, ebensowenig wie mit ihrem besonderen Inhalt.
Fordere ich telegrafisch Antwort auf eine Frage und sind die beiden einzigen
möglichen Antworten entweder Ja oder Nein und werden beide mit gleicher
Anfangswahrscheinlichkeit gesendet, dann enthält jede der beiden Antworten
die gleiche »(selektive) Information«. Jede Antwort verwandelt
die Wahrscheinlichkeit 1/2 in Gewißheit. Ein besorgter Freier, der
eine Antwort auf seinen Heiratsantrag erwartet, würde freilich sagen,
die Information der einen Antwort unterscheide sich erheblich von der Information
der anderen. Das ist jedoch darauf zurückzuführen, daß
er »Information« im alltäglichen oder gewöhnlichen
Sinne dessen gebraucht, was man als substantielle Information bezeichnen
könnte. Die mathematischen Theoretiker interessieren sich nicht für
die substantielle Information — was ihr gutes Recht ist und keineswegs
ein Vorwurf sein soll. Hier anders zu denken wäre ebenso verfehlt,
wie wenn man einer Meßtheorie den Vorwurf machte, sie sage nichts
über den Geruch oder den Geschmack der von ihr erfaßten Meßgegenstände
aus.
Es wäre offensichtlich zwecklos, dieses Modell auf das Beispiel
126
der Darstellung übertragen zu wollen. Anstelle der Botschaften
müßten wir uns die den Darstellungen entsprechenden »Originalszenen«
denken, auf die die langfristige Häufigkeit des Auftretens nicht sinnvoll
angewandt werden könnte. Auch in einigen Sonderfällen, wenn man
zum Beispiel neueintretende männliche und weibliche Schüler in
einem College mit stabiler langfristiger Häufigkeit fotografierte,
würde die jeder Fotografie anhaftende selektive oder statistische
Information absolut nichts über das Sujet oder den Inhalt der Fotografie
— was unser Thema ist — aussagen.
Einige Autoren, die die begrenzte Anwendbarkeit des hier als »selektive
Information« bezeichneten statistischen Begriffs deutlich erkannt
haben, untersuchten statt dessen die von ihnen so bezeichnete »semantische
Information«, die sich für unseren Zweck als nützlicher
erweisen könnte. (Anmerkung 9) Es scheint nämlich, daß
sich die »semantische Information« im Gegensatz zur selektiven
(statistischen) Information auf den »Inhalt« oder die Bedeutung
von verbalen Darstellungen (Aussagen, Texte) bezieht. Die Theorie der semantischen
Information wird als eine rationale Rekonstruktion dessen aufgefaßt,
was Hintikka als »Information im wichtigsten Sinne des Wortes, d.
h. in dem Sinne, in dem sie für alles das gebraucht wird, was sinnvolle
Sätze und andere vergleichbare Symbolkombinationen jemandem vermitteln,
der sie versteht« (Anmerkung 10), bezeichnet. Hier scheint genau
das vorzuliegen, was wir suchen: Das »gezeigte Sujet« einer
Fotografie scheint dem nahezukommen, was der gewöhnliche Verstand
als Information zu bezeichnen pflegt, die ein dafür hinreichend kompetenter
Empfänger (Betrachter) verstehen könnte. (Anmerkung 11). Wenn
wir jedoch den von Hintikka und anderen Pionieren der semantischen Informationstheorie
bereitgestellten Konstruktionen folgen, entdecken wir zu unserer Enttäuschung,
daß auch sie etwas liefern, das uns ungeachtet des sonstigen Werts
bei unserer gegenwärtigen Untersuchung nicht weiterhilft. Es zeigt
sich nämlich, daß die »semantische Information«
einer bestimmten Aussage etwa das gleiche ist wie das Spektrum von Verifikationssituationen,
die mit dieser Aussage verbunden sind —genauer gesagt, ein Maß für
die »Breite» dieses Spektrums. Und was damit schließlich
bereitgestellt wird, ist ein Maß für die Ausdehnung und nicht
für den Inhalt.
»Semantische Information» ist eine differenzierte Verfeinerung
des gemeinverständlichen Begriffs für den Betrag von Information
in einer Aussage. Und ebensowenig wie die Angabe der Maße eines
127
Körpers uns etwas über die stoffliche Zusammensetzung dieses
Körpers sagt, gibt uns die Angabe der semantischen Information Aufschluß,
worüber die fragliche Aussage geht. Wenn wir zwei Aussagen von gleichartiger
logischer Struktur haben, z. B. »Mein Name ist Schwarz« und
, »Mein Name ist Weiß« (Anmerkung 12), wird jede akzeptable
Definition der semantischen Information beiden Aussagen jeweils die gleiche
semantische Information zuschreiben. Wenn dieser Begriff (dessen Bedeutung
ich nicht bestreiten will) auf Gemälde anwendbar wäre (anmerkung
13), müßten wir unterschiedliche Gemälde mit oberflächlich
vergleichbaren Sujets (z. B. zwei Gemälde von einer Herde grasender
Schafe) so auffassen, als ob sie die »gleiche Information«
besäßen und übermittelten Natürlich können sich
die gezeigten Sujets zweier solcher Gemälde deutlich unterscheiden.
Wir brauchen einen Ausdruck dafür, um den von Hintikkaso bezeichneten
»wichtigste Sinn von Information« zu bestimmen, d. h. für
das, was wir im Alltagsleben damit meinen: Wir wollen ihn substantielle
Information nennen und das Wort so weit fassen, daß es ebensogut
auf falsche wie auf wahre Aussagen angewandt werden kann (so daß
die normalerweise als »Fehlinformation« be-zeichnete Information
ebenfalls als substantielle, aber inkorrekte Information gilt). Was könnten
wir dann darunter verstehen, wenn wir über die in einer bestimmten
Fotografie enthaltene (substantielle) Information sprechen?
Angenommen, wir haben den Begriff der in einerAussage enthaltenen substantiellen
Information ausreichend unter Kontrolle, so könnten wir erwägen,
die bestimmte Fotografie P durch eine komplexe Aussage A zu ersetzen, so
daß ein kompetenter Empfänger aus A ebensoviel lernen könnte
wie aus P, wenn P eine wirklichkeitstreue Aufzeichnung der entsprechenden
Originalszene sein sollte. Sicherlich haftet an dieser Vermutung etwas
Unrealistisches. Nehmen wir an, jemand würde mit einer solchen Aussage
A konfrontiert und anschließend aufgefordert, aus einer großen
Menge verschiedener Fotografien die Fotografie P herauszufinden, von der
A in gewissem Sinne eine Übersetzung sein soll. Gibt es einen guten
Grund zu der Annahme, daß eine solche Aufgabe im Prinzip lösbar
sein muß? Mir erscheint im Gegenteil die Vorstellung einer vollständigen
verbalen Übersetzung einer Fotografie (und viel stärker noch
die Vorstellung der verbalen Übersetzung eines Gemäldes) als
ein Hirngespinst. Ein Bild zeigt mehr, als
128
gesagt werden kann — und zwar nicht einfach deshalb, weil im Wörterbuch
entsprechende Äquivalente fehlen: Es geht nicht nur um die Nichtverfügbarkeit
verbaler Bezeichnungen für die Tausende von Farben und Formen, die
wir unterscheiden können. Wenn dies so ist, dann ist der Begriff der
Information, der seinen Ort im Zusammenhang mit verbalen Darstellungen
(Aussagen) hat, dem uns interessierenden Fall immer noch unangemessen.
(Anmerkung 14) Am Ende scheint es, daß das, was mit der Figur der
in einer Fotografie oder in einem Gemälde enthaltenen »Information"
bildhaft ausgedrückt wird, auf nichts anderes hinausläuft als
auf das, was wir meinen, wenn wir über den »Inhalt« des
Gemäldes sprechen oder über das, »was« es zeigt«
(sein zur Schau gestelltes Sujet). Gegen die Einführung einer auf
dem Informationsbegriff beruhenden Metapher oder Analogie gäbe es
nichts einzuwenden, wenn sie eine Klärung bringen würde. Mir
scheint, daß dies nicht der Fall ist und daß die Bezugnahme
auf die »Information«, auf der Grundlage einer mehr oder weniger
einsichtigen Analogie, schließlich auf die Einführung eines
— überdies irreführenden — Synonyms für »Abbilden«
oder »Darstellen« hinausläuft. Es ist nicht unbillig,
darauf hinzuweisen, daß »die durch ein Gemälde übermittelte
Information« nichts anderes bedeutet, als , » was durch dieses
Gemälde gezeigt (abgebildet, zur Schau gestellt) wird«.
Aus diesem irreführenden Umweg können wir gleichwohl eine
nützliche Lehre ziehen. Eine von Theoretikern der statistischen Information
gleichermaßen betonte Vorsichtsmaßregel besagt, daß die
Messungen der von ihnen behandelten Information immer relativ sind zu einer
Anzahl unterscheidbarer Faktoren in den relevanten Situationen. Im Falle
der statistischen Information ist der Betrag an Information relativ zur
Verteilung langfristiger Häufigkeiten des im betreffenden Kommunikationskanal
übertragbaren Systems möglicher Botschaften; im Falle der semantischen
Information ist der in einer Aussage verkörperte Betrag an Information
relativ zur Wahl einer Sprache und in bestimmten Anwendungsfällen
relativ zu Annahmen über bestimmte Gesetze, die einen vorgängigen
Bestand an vorhandener Information konstituieren, wobei jede nicht aus
diesen Gesetzen ableitbare Aussage einen Zusatz zu diesem Bestand darstellt.
Wir könnten somit zu einer ziemlich einsichtigen Lehre ermutigt werden:
Ungeachtet dessen, wie wir dazu kommen, den substantiellen Gehalt eines
Gemäldes oder einer anderen visuellen Darstellung zu iden-
129
tifizieren oder zu beschreiben, wird die Antwort relativ zu einem vorausgesetzten
Wissensbestand sein (z. B. Wissen über das gewählte Darstellungsschema,
die Intentionen des Malers oder Zeichenproduzenten usw.). Die Vorstellung,
daß ein Gemälde oder eine Fotografie ihren Inhalt oder ihr Sujet
ebenso direkt »enthält«, wie ein Eimer Wasser enthält,
ist allzu grobschlächtig, als daß sie einer Widerlegung bedürfte.
Derartige Vorstellungen haben jedoch einen beträchtlichen Teil der
Diskussion über unser Thema beherrscht.
Die Bezugnahme auf die Intentionen des Herstellers. Ich
werde mich nun mit dem Hinweis befassen, daß ein Ausweg aus unseren
Schwierigkeiten in der Bezugnahme auf die Intentionen des Malers oder des
Fotografen gefunden werden könnte — oder wer es auch immer war, der
so handelte, daß er die visuelle Darstellung hervorbrachte, deren
»Sujet« wir hier erörtern. Ich kenne keinen Theoretiker,
der auf dieser Grundlage eine umfassende Theorie der Darstellung entwickelt
hätte; entsprechende Theorien der verbalen Darstellung sind hingegen
ziemlich häufig. So hat Grice in einem bekannten Aufsatz über
»Bedeutung« (Anmerkung 15) betont, daß die Bedeutung
einer Äußerung mittels komplexer Intentionen analysiert werden
könnte, beim Hörer einen bestimmten Effekt zu bewirken.(Anmerkung
16) Ferner hat E. D. Hirsch in einem Buch Wortbedeutungen definiert als
»alles, was jemand durch eine bestimmte Abfolge sprachlicher Zeichen
übermitteln will und was mittels dieser Zeichen übermittelt (mitgeteilt)
werden« kann.(Anmerkung 17) Es scheint prinzipiell keine vernünftige
Begründung zu geben, weshalb dieser Ansatz nicht ebenso gültig
sein sollte im Zusammenhang mit der visuellen Darstellung oder mit der
Darstellung überhaupt.
Die unbestreitbare Anziehungskraft dieser Hervorhebung der Intention
oder des »Willens« des Herstellers kann darauf zurückgeführt
werden, daß sie nachdrücklich auf die begriffliche Kluft aufmerksam
macht, die zwischen der »Interpretation« eines natürlichen
Gegenstandes (etwa wenn wir aus den Merkmalen einer Spur auf die Eigenschaften
eines Etwas schließen, das diese Spur hervorgebracht hat) und der
»Interpretation« eines von Menschen hergestellten Gegenstandes
besteht, der intentional geschaffen wurde, um Bedeutung oder »Inhalt«
einer bestimmten Art zu haben, die einem kompetenten Empfänger zugänglich
ist. Es ist eine Sache, in der Terminologie von Grice dem zuzustimmen,
daß die Bedeutung eines Gegenstands »nicht-natürlich«
ist und nicht auf die Aus-
130)
drücke faktischer Folgerungen aus dem Darstellungsmittel reduzierbar;
zu unterstellen, das bestimmbare Sujet eines solchen nichtnatürlichen
Gegenstandes könne anhand der Merkmale der Intentionen des Herstellers
definiert werden, ist jedoch eine andere und weitaus problematischere Sache.
Zunächst besteht der unmittelbare Einwand, daß die Intention
des Herstellers, von der angenommen wird, daß sie in einer unstrittigen
Weise vorhanden war, fehlschlagen kann. Nehmen wir einmal an, ich wolle
ein Pferd zeichnen und bringe mangels Fertigkeit etwas hervor, das bei
einfachem Hinsehen niemand von einer Kuh unterscheiden kann: Wäre
dies notwendigerweise die Zeichnung eines Pferdes, nur weil ich dies intendiert
habe? Könnte ich ein Pferd zeichnen, indem ich einfach einen Punkt
aufs Papier setze? Wären die Antworten darauf positiv, dann müßten
wir die Intentionen des Künstlers so betrachten, als ob sie den eigentümlichen
Charakter der Unfehlbarkeit besäßen: Das einfache Wollen, ein
Gemälde sei ein Gemälde von einem So-und-so, würde es dann
notwendigerweise zu einem solchen machen. Sicherlich wäre dies zu
widerspruchsvoll, um akzeptabel zu sein. Bei einer verpfuschten und unerkennbaren
Zeichnung müßten wir sagen können: »Er beabsichtigte,
ein Pferd zu zeichnen, aber es mißlang ihm», wie wir es unter
bestimmten Umständen von jeder mißlungenen Intention sagen müßten.
Die Vorstellung der Intention schließt die Vorstellung eines möglichen
Fehlschlagens ein.
Eine noch ernsthaftere und, wenn ich mich nicht irre, für diesen
Ansatz vernichtende Schwierigkeit ist die, daß es keine andere Möglichkeit
zur Identifikation der relevanten Intention gibt als die Berufung auf eben
den Begriff des Sujets eines möglichen Gemäldes, den diese Bezugnahme
auf die Intention gerade klären soll. Stellen wir uns die angestrebte
Analyse in ihrer gröbsten und am schwersten zu verteidigenden Form
vor. Angenommen, die vorgeschlagene Analyse von »P bildet S ab«
hieße »M, der Hersteller von P, intendierte, S sei eine Abbildung
von S«. In dieser Form ist der logische Zirkel augenfällig:
Wir könnten die vorgeschlagene Analyse von »abbilden«
nicht verstehen, ohne bereits eine klare Vorstellung von dieser Beziehung
zu haben. Ebensowenig könnte der herangezogene Hersteller strenggenommen
eine klare Intention haben, P als Abbildung von S zu produzieren, wenn
nicht auch er unabhängig davon verstünde, was es für das
entstehende P tatsächlich bedeutet, ein Gemälde von S zu sein:
Der Rückbezug auf die
(Baustelle:
Hier wird gerade gearbeitet, d.h. noch korrigiert)
ich beeile mich!!!!!!
131
Intention, die er haben würde, wenn er versuchte, P so zu gestalten,
daß es S abbildet, würde ihn in einen hoffnungslosen Zirkel
verwickeln. (Anmerkung 18)
Der Sachverhalt wäre weniger anstößig, wenn die vorgeschlagene
Analyse die folgende Form annehmen würde: »P bildet S dann und
nur dann ab, wenn M, der Hersteller von P, E intendierte», wobei
E als ersetzbar gedacht wird durch einen komplexen Ausdruck (und nicht
durch ein direktes Synonym für >P bildet S ab<).‘(Anmerkung 19)
Die oben festgestellte Zirkularität würde dann wegfallen. Damit
diese Analyse jedoch akzeptabel wird, müßte £ die gleiche
Extension haben wie >P bildet S ab<: wir haben die richtige Intention
nur dann erfaßt, wenn das, was M zu tun intendierte, für P notwendig
und hinreichend war, damit dieses eine Abbildung von S ist (wenn auch nicht
in diesen Worten ausgedrückt). Und wenn dies so ist, können wir
die Bezugnahme auf die Intentionen von M insgesamt fallenlas-sen, weil
die Formulierung »P bildet S dann und nur dann ab, wenn E»
als solche bereits die gesuchte Analyse ergibt. Diese Betrach-tungsweise
hätte außerdem den Vorteil, daß sie mit der oben fest-gestellten
Schwierigkeit der fehlgeschlagenen Intention fertig wird. 20
Ich gelange zu dem Schluß, daß die Bezugnahme auf die Inten-tionen
des Herstellers trotz ihrer Anziehungskraft für unseren Zweck nichts
leistet.
Abbildung als Illusion. Wir haben nun drei Antworttypen auf un-sere
Hauptfrage nach der Analyse einer Aussage von der Form >P bildet S ab<
betrachtet. Davon erwies sich die eine, die sich auf die in der DarstellungP
vermeintlich enthaltene »Information» stützt, als leer,
und die beiden anderen verweisen durch die Bezugnahme auf eine Kausalgeschichte
bzw. auf die Intentionen des Herstellers auf zeitliche Vorbedingungen,
die mit dem Endergebnis nur in ei-nem kontingenten Zusammenhang stehen.21
Es scheint, daß wir immer noch etwas über die Darstellung als
solche herausfinden müssen, das einem qualifizierten und kompetenten
Sprecher er-laubt, ohne zweifelhafte Rückschlüsse auf Antezedensbedingun
gen oder partiell erfüllte Konventionen am Kunstgegenstand etwas vonP
wahrzunehmen, das dieses zu einem Gemälde vonS und zu nichts anderem
macht.22
Der Leser wird vielleicht überrascht sein, daß ich so lange
gewar-tet habe, um eine berühmte Antwort zu zitieren, hinter der die
Au-torität von Aristoteles und von Tausenden anderer Theoretiker
132
steht, die in der einen oder anderen Form seine Auffassung von der
Kunst als Mimesis bekräftigt haben. Wir wollen versuchen, diese Auffassung
der Kunst als »Nachahmung der Realität» so zu for-mulieren,
daß sie uns zu möglichst wenigen Theorievoraussetzun-gen verpflichtet.
Warum soll ich beider Betrachtung eines naturalistischen Gemäl-des
— z. B. eines weißen Pudels auf einem Sofa — nicht sagen, es sei,
als ob ich beim Durchblicken durch den Bilderrahmen tatsächlich ein
Tier von einer bestimmten Erscheinung und in einem bestimm-ten Abstand
auf einem Möbel liegen sähe? Natürlich weiß ich die
ganze Zeit, daß an der Stelle, wo er sich zu befinden scheint, gar
kein Pudel ist, und deshalb ist das Erlebnis auch das einer Illusion und
nicht einer Täuschung.23 Wir werden nicht wirklich ge-täuscht,
denn wir haben genügend visuelle Erfahrungen gemacht, um zu wissen,
wie es aussehen würde, wenn der Pudel tatsächlich dort wäre.
Beim Betrachter ist der Zweifel ähnlich wie beim Leser eines fiktionalen
Textes suspendiert, der nichtexistente Personen so beschreibt, als ob sie
wirklich existierten. Wir könnten in sol-chen Fällen von einem
»fiktiven» oder »illusorischen,< Sehen spre-chen.
Der Ausdruck ,,als ob», den ich in meinem Formulierungsvor-schlag
verwendet habe und bei dem sich die Assoziation an die »Philosophie
des Als Ob» aufdrängt, erweckt vielleicht den Ein-druck des
Hokuspokus. Dieser Aspekt läßt sich jedoch unter Kon-trolle
halten, und der Ausdruck kann als eine harmlose Abkürzung gebraucht
werden. Zu sagen, »A ist als ob B", heißt einfach, zu sa-gen:
,>Wenn B der Fall wäre, dannA; aber auch nicht-B". Im Falle der Illusion
weiß der Beobachter trotz der Erscheinungsbilder, daß nicht-B;
im Falle der Täuschung oder Irreführung glaubt er entge-gen den
Tatsachen, daß B der Fall sei. Der Analysevorschlag für unser
imaginäres Beispiel lautet somit: Wenn ein Pudel einer be-stimmten
Art und in einer bestimmten Haltung und einem be-stimmten Abstand von mir
auf einem Sofa wäre, dann würde ich sehen, was ich jetzt sehe.
Deshalb kann ich hier und jetzt sehen, was das Sujet des Bildes ist, ohne
auf die Ätiologie des Bildes, die Intentionen des Künstlers oder
irgend etwas anderes, das nicht unmittelbar gegenwärtig ist, Bezug
zu nehmen. An dieser Be-schreibung muß etwas Wahres sein: Ein Laie
wird angesichts eines Gemäldes von Claudio Bravo sicherlich berichten,
daß es für je-dermann so aussieht, als ob sich hinter der Oberfläche
ein Paket
I33
befinde, und jeder Betrachter, sei er noch so sehr mit theoretischen
Überzeugungen gegen die Rolle der Illusion gewappnet, kann, wenn er
einsichtig ist, nicht umhin, bei anderen Beispielen des trompe l‘oeil eine
ähnliche Beschreibung zu geben. Es besteht na-türlich die ernsthafte
Frage, ob eine Beschreibung, die auf diesen besonderen Typus zugeschnitten
zu sein scheint, ohne Verzerrung oder Tautologie so ausgedehnt werden kann,
daß sie auf alle Fälle der Reaktion auf visuelle Darstellungen
paßt, die partiell naturali-stisch sind. Ich glaube jedoch, daß
es nicht besonders schwierig ist, die These so zu erweitern, daß
sie auch auf Fälle zutrifft, bei denen das dargestellte Sujet unbekannt
ist. Dieser Auffassung zufolge bietet es keine besondere Schwierigkeit,
den Anblick eines vom Betrachter gesehenen fliegenden Pferdes oder einer
leibhaftig in der Luft schwebenden Göttin zu erklären. Die Erklärung
kann überdies bei bestimmten »abstrakten» Werken unverändert
beibe-halten werden: Wenn ich auf einem Gemälde von Rothko eine zu-rückweichende
Ebene sehe, die von einem kontrastierenden Strei-fen begrenzt ist, dann
ist dieser Anblick nicht unähnlich dem, was ich durch das Hinsehen
auf Wolken gelernt habe. Ähnliches gilt auch für Manhattan Boogie
Woogie von Mondrian oder andere Abstraktionen dieser Art.24 Bei dieser
Auffassung reduzieren sich Probleme, wie ein P ein bestimmtes S abbilden
kann, auf Fragen zur gewöhnlichen Wahrnehmung, etwa von der Form:
»Wie kommt es, daß ein wirklicher Pudel wie ein Pudel aussehen
kann?» Ich bin nicht sicher, welcher brauchbare Sinn einer solchen
Frage zugeschrieben werden kann25 jedenfalls würde sie aus dem Be-reich
unserer gegenwärtigen Untersuchung herausfallen.
Wir wollen nun mögliche Einwände betrachten. Bei denen des
er-sten Typs wird eingewandt, daß die »Illusion» weder
vollständig sei noch als vollständige intendiert war. Wenn wir
unsere Stellung zum Bild verändern, erhalten wir nicht die systematischen
Verän-derungen in der Erscheinung, wie sie auftreten würden,
wenn sich an der angegebenen Stelle wirklich ein Pudel befinden würde:
Eine bemalte Leinwand bringt nicht einmal so viel Illusion hervor wie ein
Spiegel. Außerdem ist die dargebotene visuelle Erscheinung
><eingefroren»; sie weist nicht jene geringfügigen, aber
wahrnehm-baren Veränderungen auf, wie sie sogar auf einem »Stilleben»
zu sehen sind usw.26
Der zweite Typ von Einwänden lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die
wahrnehmbare Verzerrung, die auch auf dem ,,realistisch-
,34
sten" Bild festgestellt werden kann: Der aufmerksame Betrachter wird
mit Ausnahme ganz besonderer Fälle die Pinselstriche sehen und schließlich
doch gewahren, daß das, was er sieht, dem wirkli-chen Ding ,,nicht
sehr ähnlich» ist.27
Die unbestreitbare Präsenz störender und verzerrender Merk-male
auch auf dem extrem »wirklichkeitstreuen,, Gemälde fällt
für jemanden, der die Theorie der Gleichsetzung von Abbildung und
Illusion vertritt, bis zu einem gewissen Punkt nicht ins Gewicht. Die Illusion
braucht nicht vollkommen zu sein, und wir haben ge-nügend Erfahrung,
wie in der echten Wahrnehmung Veränderun-gen in der Erscheinung außer
acht gelassen28 und die Wirkungen von Unvollkommenheiten des Auges (schwebende
Partikel, Aus-wirkungen der Kurzsichtigkeit usw.) übergangen werden.
Wenn wir einmal gelernt haben, wie wir durch das partiell verzerrende Medium
des Gemäldes und der Fotografie hindurchblicken müs-sen, sehen
wir die abgebildeten Sujets so, als ob sie wirklich vor-handen wären.
Die entscheidenden Schwierigkeiten verbergen sich jedoch hinter der
täuschenden Redewendung: «Wenn wir einmal gelernt haben, wie
die Dinge aussehen», denn damit wird tatsächlich eingeräumt,
daß es in vielen Fällen einen Sinn gibt, in dem das Sujet auf
dem Gemälde nicht so aussieht, wie es aussehen würde, wenn es
tat-sächlich hinter der Leinwand vorhanden wäre — und derart
große Abweichungen vom gewöhnlichen Sehen können nicht
durch den Einwand erledigt werden, den wir gerade in Betracht gezogen ha-ben.
Wenn Picassos Frauen als Frauen gesehen werden sollen (d. h. so, als ob
sie hinter der Leinwand Frauen wären), dann wer-den wir einen Interpretationsschlüssel
erlernen müssen, zu dem es in der gewöhnlichen Wahrnehmung kein
Analogon gibt. Wir wer-den beispielsweise lernen müssen, zwischen
einem »wirklichkeits-treuen» Gemälde eines grünen
Gesichts und einem grünen Ge-mälde eines weißen Gesichts
zu unterscheiden. Sobald wir jedoch einen solchen logischen Vorgriff in
die »Technik der Darstellung» zulassen und zulassen müssen,
verliert die Gleichsetzung von Ab-bildung und fiktiver Darstellung oder
»Illusion» ihre Anziehungs-kraft. Statt zu sagen: ,,P ist eine
Darstellung vonS, weil das Sehen von P, mit einigen Vorbehalten gegenüber
Verzerrungen und Un-vollständigkeit, dem Sehen von S gleicht (P sehen
ist als ob man S sähe)", müssen wir nun etwa sagen: ,,Im allgemeinen
ist P eine Darstellung von S, wenn P entsprechend den in Stil und Technik
,35
des Künstlers verkörperten Konventionen wie 5 aussieht.»
Und nun wundert man sich darüber, wieviel die noch übriggebliebene
Bezugnahme auf die Formel »Aussehen, als ob 5 präsent wäre»
wirklich leistet. Nehmen wir einen Fall extremer Verzerrung an:
Ist es auch dann noch notwendig, zu sagen, daß wir etwas sehen
und zu sehen genötigt sind, das so aussieht, als ob es sich hinter
der Leinwand befinde? Ist dies nicht vielmehr eine irreführende Art,
das richtige Argument vorzubringen, daß wir, nachdem wir ge-lernt
haben, wie Picasso in seiner kubistischen Periode eine Frau malte, wissen
werden, daß es sich um das Gemälde einer Frau han-delt?29 Wird
durch das Insistieren darauf, daß wir außerdem »das Gemälde
so sehen, als ob» wirklich etwas dort wäre, irgend etwas hinzugefügt?
Ich neige zu der Auffassung, daß die Theorie zu einer nutzlosen Mythologie
verkommt, wenn sie so weit ausgedehnt wird.
Wir können schließlich noch festhalten, daß die hier
erörterte Auffassung so betrachtet werden kann, daß sie »abbilden»
auf «aussehen wie» reduziert. Denn statt zu sagen, P werde
gesehen, als obS vorhanden wäre, könnte man ebensogut sagen,
daßP ,,wie S aussieht» (obgleich wir wissen, daß 5 nicht
vorhanden ist). Die meisten Verfechter einer Illusionstheorie haben in
der Tat ange-nommen, daß ihr eine bestimmte Auffassung von der Ähnlichkeit
zwischen einem Bild und seinem Sujet zugrunde liege. Dieser Punkt verdient
allerdings, gesondert untersucht zu werden.
Abbildung als Ähnlichkeit. Wir haben gesehen, daß jede vertret-bare
Konzeption der Abbildung als eine Art Illusion (das Sujet des Gemäldes
so sehen, als ob es präsent wäre) den beobachtbaren Un-terschieden
Raum geben muß, die sich über den ganzen Bereich von der Selektion
bis hin zur direkten Verzerrung, vom Sujet als dargestelltem und als scheinbar
präsentem, erstreckt. Auch dann, wenn Irreführung oder Täuschung
die bestimmende Absicht des Künstlers ist, erhalten wir nur eine Annäherung
an eine vollstän-dige »Nachahmung». Ein bevorzugter Weg,
um auch beim extrem ,,wirklichkeitstreuen" sichtbaren Bild das Element
der Unähnlich-keit zuzugeben, ist die Berufung auf einen Begriff der
Ähnlichkeit:
Das Bild wird nun nicht so aufgefaßt, daß es »aussieht,
als ob» das Sujet präsent wäre, sondern vielmehr als etwas,
das so aussieht, als ob etwas Gleiches, dem Sujet Ähnliches, präsent
wäre.
Eine typische Aussage von diesem Standpunkt aus ist die folgende von
Beardsley: >,>Die ZeichnungX bildet einen Gegenstand Y ah‘
136
bedeutet, >X enthält eine Fläche, die der visuellen Erscheinung
von Y-Gegenständen ähnlicher ist als Gegenständen jeder
anderen Klasse. <»30
Auf der Grundlage einer bestimmten, stark vereinfachenden Konzeption
der Gleichartigkeit oder Ähnlichkeit (die ich im vor-liegenden Kontext
als synonym auffasse) ist es leicht, gegen jeden Versuch, die Ähnlichkeit
in den Mittelpunkt der Abbildungsrela-tion zu rücken, vernichtende
Einwände zu erheben. Erstens sind Fotografien oder Gemälde als
physikalische Gegenstände gar nicht mit Pferden, Bäumen oder
Meeren zu vergleichen, zweitens ist an der Auffassung, eine »Zeichnung»
sei einem Baum >,ähnlicher» als einem Meer, etwas schief. (Vgl.
die Frage, ob eine Briefmarke einer Person ähnlicher sei als einem
Stück Käse.) Wenn wir jedoch Beardsleys Formulierung als eine
unvorsichtige Ausdrucksweise dafür nehmen, daß dasAussehen oder
die Erscheinung der »Zeich-nung» dem Aussehen eines Baumes
,>ähnlicher» sein muß als dem Aussehen des Meeres, verwickeln
wir uns sofort in all jene be-grifflichen Schwierigkeiten, die jede Konzeption
eines Vergleichs zwischen so zweifelhaften Entitäten wie Weisen des
»Aussehens» begleiten.31
Wir brauchen uns auf diesen umstrittenen Bereich nicht einzulas-sen,
da die logische Oberflächenstruktur des Verbs »ähnlich
sein» jede Ähnlichkeitsauffassung höchst unplausibel macht.
Um nur ein Beispiel zu nennen: Wir neigen dazu, die Ähnlichkeits-
oder Gleichartigkeitsrelationen als symmetrisch aufzufassen. Wenn A ähnlich
B ist, dann ist B notwendigerweise ähnlich A, und beide sind einander
ähnlich.32 Wenn wir dies jedoch ernstnehmen, verpflichten wir uns
zu der Aussage, daß jeder Baum eine Darstel-lung jedes beliebigen
naturalistischen Bildes von einem Baum ist. Und da nichts einem Gemälde
so ähnlich sieht wie eine Reproduk-tion davon, liegt die Absurdität
nahe, das Sujet jedes Bildes mit dessen Kopie gleichzusetzen.33
Weitere Einwände gegen das Ähnlichkeitsmodell. Die bekannten
und oben wiederholten Einwände gegen die Auffassung von der Ähnlichkeit
als Grundlage naturalistischer Abbildung mögen sehr wohl unbefriedigend
wirken. Es könnte sein, daß wir das unange-nehme Gefühl
haben, der Verweis auf die Oberflächengrammatik von ,>Ähnlichkeit»
sei ein allzu leichtfertiges Verfahren, sich einer vermeintlichen Einsicht
zu entledigen. Sicher laden wir uns para-doxe Konsequenzen auf, wenn wir
die Ähnlichkeit als symme-,37
trisch und transitiv fassen; aber hat letztlich die Auffassung, daß
eine naturalistische Fotografie ihrem Sujet ,,ähnlich ist>‘ oder ,>wie
dieses aussieht<‘, nicht doch etwas für sich?34 Und wenn ja, können
wir dann die vordergründigen Implikationen nicht so modifizie-ren,
daß diese Einsicht gewahrt bleibt? Wenn die gewöhnliche Sprache
uns zum Beispiel zu sagen verpflichtet, daß in einem Sinne von Ähnlichkeit
ein Gemälde nichts anderem so ähnlich ist wie sich selbst, liegt
es dann außerhalb des menschlichen Verstands, für den entscheidenden
Ausdruck einen angemesseneren Sinn festzulegen? Es mag sich lohnen, hier
ein wenig tiefer zu graben.
Unsere gemeinverständliche und vereinfachende Konzeption der »Ähnlichkeit»
wird, wie ich andeuten möchte, durch ein oder mehrere »Bilder»35
oder idealisierte Prototypen der Anwendung gesteuert. Betrachten wir die
folgenden einfachen Beispiele für klare Fälle von ,,Ähnlichkeit":
i. Ein Schriftsteller kauft in einem unbekannten Geschäft einen
neuen Vorrat an Schreibpapier. Er vergleicht das ihm angebotene Blatt mit
einem aus seinem fast aufgebrauchten Vorrat. »Das gleicht ziemlich
dem, was ich will; aber dieses ist besser; wahr-scheinlich ist es dem,
was ich brauche, ähnlich genug.»
2. Eine Hausfrau geht ins Geschäft, um ein zusätzliches Stück
Stoff für ein Kleid zu kaufen, das sie gerade schneidert: Sie ver-gleicht
den Stoff in ihrer Vorstellung mit dem, den sie bereits be-sitzt. >,Der
sieht fast so aus, wie das, was ich brauche; er ist ihm ziemlich ähnlich;
ich glaube, er wird gehen.»
3. Ein Filmproduzent benötigt für eine gefährliche Szene
ein Double für den Hauptdarsteller. Er vergleicht die beiden Männer
und entscheidet, ob das Double dem Star hinreichend ähnlich ist, so
daß das Publikum den Ersatz nicht bemerken wird.
4. Ein Historiker vergleicht die Laufbahn von Hitler und Stalin auf
»Ähnlichkeiten» hin.
5. Beim Versuch, einen Richter zu beeinflussen, verweist ein An-walt
auf einen abgeschlossenen Fall als Präzedenzfall, worauf ihm entgegnet
wird:>‘ Ich sehe keine hinreichende Ähnlichkeit zwi-schen beiden Fällen.»
Diese Beispiele regen wie die vielen anderen, die sich ausdenken ließen,
zu folgenden Überlegungen an:
Der Begriff der Ähnlichkeit hängt eng mit den Begriffen des
Vergleichs und des Zusammenpassens zusammen (und auch mit dem der Gleichartigkeit,
den ich hier übergehen werde). In einigen
138
Beispielen, aber nicht in allen, ist die ideale Grenze der relativen
Ähnlichkeit die der Ununterscheidbarkeit: Wenn der Schriftsteller
das neue Papier nicht vom alten unterscheiden könnte, wäre er
si-cherlich befriedigt, auch wenn er bereit ist, etwas weniger Befrie-digendes
in Kauf zu nehmen. Ähnliches gilt mutatis mutandis für die Beispiele
2 und 3.
b. Bei anderen Beispielen hängt der Grad der Ähnlichkeit
der ver-glichenen Dinge von punktuellen Entsprechungen ab, so daß
zwar eine feststellbare Analogie zwischen den verglichenen Dingen be-steht,
während die Ununterscheidbarkeit nicht zur Debatte steht (Beispiele
4 und 5).
c. Was im Einzelfall die Wahl bestimmter Kriterien des Ähnlich-keitsgrades
bestimmt, ergibt sich aus dem übergreifenden Zweck des Vorgangs des
Zusammenpassens oder des Analogievergleichs:
Manchmal geht es um die Frage, einen akzeptablen Ersatz im Hin-blick
auf Erscheinung, Dauerhaftigkeit oder andere Eigenschaften zu finden; manchmal
geht es darum, eine Rechtfertigung für die Anwendung allgemeiner Begriffe,
Entscheidungen, Maximen oder Grundsätze zu finden (Beispiele 4 und
5). Kurz, was als hinrei-chender Grad der Ähnlichkeit gilt, sowie
die Hinsichten, in denen Ähnlichkeitsmerkmale als relevant behandelt
werden, sind deut-lich durch den Gesamtzweck des Vorgangs bestimmt. Negativ
formuliert: Fehlt ein solcher Zweck, so ist jeder vorgeschlagene Vergleichsvorgang
unbestimmt und müßig. Wenn man von mir verlangt, A mitB zu vergleichen
oder zu sagen, wie groß die Ähn-lichkeit zwischen beiden sei,
ohne daß angegeben wird, wozu der Vergleich dienen soll, dann weiß
ich nicht, wie ich vorzugehen habe. Wenn mir das Taktgefühl gebietet,
irgendeine Antwort zu geben, kann ich natürlich einen zweckdienlichen
Kontext erfinden und versuchen, die Aufgabe mit einem bekannten Fall zusammen-zubringen
und Ähnlichkeiten der Farbe, der Funktion (oder was mir sonst einfällt)
zu suchen.
Von den von mir hervorgehobenen Punkten dienen die beiden er-sten hauptsächlich
dazu, uns an die große Vielfalt von Verfahrens-weisen zu erinnern,
die unter dem Sammelbegriff ,,Ähnlichkeit» zusammengefaßt
sind: Dieses umfassende Etikett schließt eine große Vielfalt
von Prozessen des Zusammenpassens und der Ana-logiebildung ein, die auf
unendlich viele Weisen und für unendlich viele Zwecke vollzogen werden,
mit einer entsprechenden Vielfalt dessen, was für die Vergleichsverfahren
als angemessen und rele-139
vant gilt. Der dritte Punkt aber, der die Relativität des
Vergleichs in Beziehung auf einen bestimmenden Zweck hervorhebt, ist der
für die vorliegende Untersuchung entscheidende. Er ist seiner Ten-denz
nach unserem Bild von der »Ähnlichkeit» als durch Teilhabe
gemeinsamer Eigenschaften konstituierte — als ob wir die Frage, ob ein
Ding einem anderen ähnlich sei oder nicht, im luftleeren Raum ohne
jeden Bezug auf den Zweck der Übung entscheiden könnten
—völlig entgegengesetzt. (Vgl. die Frage, obA besser sei alsB,
die ebenfalls nach einem Vergleich verlangt, ohne daß eine weitere
Be-stimmung über den Sinn der Frage gegeben ist.)
Wir wollen nun diese elementaren Überlegungen auf unser Hauptbeispiel
des Gemäldes und seiner Sujets anwenden. Das erste Hindernis bei der
Anwendung eines der beiden Ähnlich-keitsmodelle (die Suche nach einem
geeigneten Gegenstück oder die Suche nach einer analogen Struktur)
liegt, wie wir bereits gesagt haben, darin, daß das «Sujet»
normalerweise einer unabhängigen Untersuchung nicht zugänglich
ist. Wenn das Gemälde ,>fiktiv» ist, kann es ja gar nicht neben
sein Sujet gestellt und auf »Ähnlich-keiten" hin überprüft
werden. Aber lassen wir das, obwohl dieser Punkt alles andere als trivial
ist: Bestehen bleibt, daß der bestim-mende Zweck des zugeschriebenen
Vergleichs unausgesprochen bleibt. Was ist der Zweck davon, zuerst ein
Bildnis der Königin Elisabeth zu betrachten und dann die Königin
selber, um Ähnlich-keiten herauszufinden? Es kann keine Rede davon
sein, daß das Porträt hier wie in einigen unserer exemplarischen
Fälle ein Ersatz für die Person ist. Ebensowenig geht es darum,
ob man entspre-chende Aussagen über beide machen kann, obwohl dies
dann der Zweck sein könnte, wenn das Porträt in ein historisches
Archiv aufgenommen werden soll, um eine verbale Beschreibung zu er-gänzen
und zu verdeutlichen. Es bleibt uns nicht mehr in den Hän-den als
die leere Formel, das Gemälde solle »aussehen wie‘> das Modell.
I)amit wird aber lediglich der unanalysierte Ausdruck »sieht aus
wie" durch unseren problematischen Ausdruck »ist ähn-lich>‘
ersetzt. Auch hier ist entscheidend, daß die Zweckbestim-mung fehlt.
Nehmen wir an, daß für einige Zwecke und in einigen Kontexten
auch das naturalistische trompe l‘oeil-Porträt einer Per-son auffallend
wenig gleicht— was soll dann als >,aussehen wie» gel-ten? Welche
Verdienste die Ähnlichkeitsauffassung auch immer haben mag, auf diese
Fragen kann sie keine Antworten liefern.
Mein Haupteinwand gegen die Ähnlichkeitsauffassung lautet
140
also, daß sie sich bei näherer Betrachtung als uninformativ
erweist und daß sie anstelle einer Einsicht einen trivialen Ersatz
anbietet. (In dieser Hinsicht gleicht sie der oben behandelten These von
der Abbildung als Ausdruck der »Information».) Der Einwand
gegen die Behauptung, einige Gemälde seien ihren Sujets ähnlich,
ist nicht der, daß sie es nicht sind, sondern daß so wenig
damit gesagt ist, wenn nur dies gesagt wird.
«Aussehen wie«. Ich stimme zu, daß die Betonung der
»Ähnlich-keit», so uninformativ sie in philosophischer
Hinsicht auch sein mag, zumindest den Zweck erfüllt, uns an die Tatsache
zu erin-nern, daß ein Gemälde einem Gegenstand in dem Sinne
ähnlich ist, daß es aussieht wie dieser. Es wäre ein willkürlicher
Verstoß gegen den gemeinen Verstand, etwa zu behaupten, ob eine Fotografie
»aussieht wie» ein Baum, ein Mann oder was auch immer, habe
nichts mit ihrer Funktion als Bild zu tun. Sicherlich kann ein Bild ,>aussehen
wie» sein Sujet; aber das Problem liegt darin, zu erken-nen, ob wir
irgend etwas Nützliches darüber aussagen können, was ,,aussehen
wie» bedeutet. Es sollte also der Mühe wert sein, die Begriffe,
die mit dem Ausdruck »aussehen wie» und seinen gram-matischen
Varianten zusammenhängen, genauer zu untersu-chen.
Wir werden hier wie im Falle der mit ,Ähnlichkeit> zusammen-hängenden
Wörter sofort feststellen, (laß es paradigmatische Ver-wendungsweisen
gibt, die unterschieden werden müssen. Fangen wir also wieder mit
einigen Beispielen an.
1. Wir holen jemanden am Bahnhof ab. Du zeigst auf jemanden, der sich
aus der Ferne nähert und sagst: ,,Das sieht nach ihm
aus."
2. Beim Zusammentreffen mit Zwillingsbrüdern sagst du: ,,Tom sieht
tatsächlich wie Henry aus.»
3. Angesichts einer Wolke: »Schau hin: Sieht das nicht wie ein
Vogel aus?‘>
4. Von einem Mann könnte man sagen: >,Er sieht sehr nach einem
Wolf aus."
Das erste Beispiel könnte man als einen Fall von scheinen bestim-men.
Es läßt sich durch die Möglichkeit, die Wendung »sieht
aus als ob» mit entsprechender Veränderung im Rest der Äußerung
zu ersetzen, scharf von den anderen abgrenzen. Im ersten Fall würde
sich nur ein geringer oder gar kein Unterschied ergeben, wenn man sagen
würde: >,Es sieht aus,als oh er es wäre." Zwei weitere gram-141
matische Argumente lassen sich hier anführen. Versuchen wir, ad-verbiale
Bestimmungen einzufügen wie bei »Das sieht sehr stark nach ihm
aus», so empfinden wir möglicherweise mit Recht, daß wir
auf einen anderen Gebrauch überwechseln: Es wäre deshalb natürlich,
auf diese zweite Bemerkung — nicht aber auf das erste von mir angegebene
Beispiel — zu erwidern: »Ich sehe die Ähnlich-keit nicht.»
Damit ist zweitens die Schwierigkeit verbunden, die für diesen Gebrauch
ursprünglich intendierte Bemerkung zu ne-gieren: Wenn ich die Äußerung
>,Das sieht nach ihm aus» bestrei-ten will, kann ich bestenfalls
sagen: ,,Nein, das sieht nicht nach ihm aus» oder: »Ich glaube
nicht», während »Nein, das sieht ihm un-gleich»
in diesem Zusammenhang den Eindruck eines Wortspiels erweckt. Für
die gegenwärtigen Zwecke können wir uns diesen er-sten Gebrauch
von »sieht aus wie» im Zusammenhang mit einge-schränkten
Behauptungen vorstellen: Die ganze Äußerung hat die Ausdruckskraft
eines schwachen Wahrheitsanspruchs, wobei ein hinreichender und zwingender
Grund fehlt. (Vgl. die Form «Das könnte er sein»). Ich
halte diesen Gebrauch nur fest, um ihn von der weiteren Betrachtung auszuschließen,
da er auf unseren Hauptgegenstand offensichtlich nicht angewandt werden
kann:
Normalerweise besteht keine Gelegenheit, über das Sujet eines
Gemäldes oder eines Bildes begründete Aussagen zu machen.36
Das zweite Beispiel gehört zum Typus der bereits behandelten,
bei denen explizites und auch punktuelles Zusammenpassen vor-handen oder
sichtbar ist. Hier ist die Bezugnahme auf »Ähnlich-keit»
bei Verwendungsweisen, die einigen vorher angeführten na-hekommen,
angemessen.
Im dritten Fall (die Wolke, die »wie ein Vogel aussieht»)
wäre zu argumentieren, daß der Versuch, ihn mit dem eigentlichen
Zu-sammenpassen gleichzusetzen, einer Verzerrung gleichkäme. Denn
man scheint es hier mit einer Art indirekter Zuschreihung und nicht mit
einem impliziten Vergleich zu tun zu haben. So würde zum Beispiel
eine Zusatzfrage von der Form: »Was für ein Vogel?» als
dumm zurückgewiesen, wenn sie nicht als Aufforde-rung, das Attribut
näher zu erläutern, aufgefaßt wird (ein Adler und nicht
einfach ein Vogel). Hier muß hervorgehoben werden, daß der
Verweis auf einzelne «Ähnlichkeitspunkte» besonders un-angebracht
ist; tatsächlich erweckt der Wortlaut: ,>Schau dort die Wolke: ist
sie nicht einem Vogel ähnlich ? » das Gefühl einer Verla-gerung
auf den früheren Gebrauchstypus.37 Man könnte sagen,
142
daß in einigen Fällen dieses Typs der Sprecher die ihm vorliegende
Situation mehr oder weniger indirekt beschreibt. Es ist so, als ob er angesichts
der Aufgabe, die Wolke als ein Tier zu beschreiben, sa-gen würde:
»Wenn ich sie als eine Art Tier beschreiben müßte, wäre
das einzig passende >ein Vogel<.» Es bestehen hier einige auf-fällige
Analogien zum Gebrauch der Metapher als Gegensatz zum Gebrauch des Gleichnisses:
Im Kontext der Zuschreibung, an-stelle des Vergleichs, ist Aussehen wie
der Metapher näher als dem Gleichnis.
Schließlich gibt es Fälle wie den letzten (»Er sieht
nach einem Wolf aus»), wo die Andeutung eines Vergleichs, der zugegebe-nermaßen
immer noch vorhanden ist, so weit unterdrückt ist, daß er beinahe
wirkungslos bleibt. Von einem Mann zu sagen: ,>Er sieht nach einem Wolf
aus», oder auch: »Er hat ein wölfisches Aus-sehen»,
kann ein Weg sein, um einen unmittelbaren Eindruck fest~ zuhalten, ohne
an die Möglichkeit zu denken, punktuelle Ähn-lichkeiten oder,
wie in anderen Fällen, irgendeinen Grund für die Beschreibung
anzugeben. Man könnte in solchen Fällen sagen, wir hätten
es mit einer nicht weiter erklärbaren Metapher oder Kata-chrese zu
tun. Wird die Angemessenheit unserer Beschreibung an-gezweifelt, dann können
wir allenfalls erwidern, daß sie zu passen scheint — womit natürlich
wenig gesagt ist.
Die wichtigste Lehre, die ich aus dieser kurzen Prüfung einiger
zusammenhängender Anwendungen von >aussehen wie< ziehen möchte,
ist die: Wenn wir in unserem Schema die Anwendung ei-nes Satzes wie »Das
sieht aus wie ein Schaf» (ausgesprochen, wäh-rend wir auf ein
Bild zeigen) richtig einzuordnen hätten, täten wir gut daran,
den letzten unserer vier Typen zu wählen. Sagt man von einem Gemälde
oder einem Teil davon: >,Das sieht wie ein Mann aus», dann sagt man
damit normalerweise weder, daß es zwar nur einen partiellen, aber
einsichtigen Beweis dafür gibt, daß es ein Mann ist (was widersinnig
wäre), noch daß es erklärbare Ähnlich-keitspunkte
zwischen jenem Gemäldeausschnitt und einem Mann gibt (was höchst
unplausibel ist und beim Fehlen jedes angebbaren Vergleichspunktes vergeblich),
noch schreibt man jenem Aus-schnitt eine Eigenschaft zu wie dann, wenn
man von einer Wolke mit Hilfe eines Gleichnisses sagen würde, sie
sehe wie ein Vogel aus. Vielmehr sagt man etwas über das vor uns liegende
Ding selbst aus, sowie wenn man von einem Mann sagt, er habe ein wölfisches
Aussehen, und damit direkt über ihn etwas aussagen will — und
nicht über eine vermeintliche Beziehung zu Wölfen. Wenn dies
so ist, dann widersetzt sich der Sinn, in dem ein realistisches Gemälde
»aussieht wie» sein Sujet, weiterhin der Analyse. Man könnte
so-gar zu sagen geneigt sein, dieser Ausdruck müsse vermieden wer-den,
da er leicht zu Mißverständnissen führe.
Wenn ein Kind fragen sollte, wie man herausfinden lernt, ob eine Leinwand
»aussieht wie» ein Mann, dann könnten wir besten-falls
erwidern: »Beobachte einen Maler bei der Arbeit an seiner Leinwand,
dann wirst du am Ende vielleicht wirklich einen Mann sehen, wenn du das
Bild betrachtest.» Wenn dies jedoch das Beste ist, was wir (wie ich
glaube) sagen können, dann scheint das Er-gebnis unserer analytischen
Nachforschungen schließlich doch ziemlich mager zu sein.
Ein Landeplatz. Ich habe nun die Aufgabe beendet und die An-forderungen
untersucht, die von plausiblen Kandidaten für die Rolle einer notwendigen
Bedingung des Bestehens einer "Abbil-dungs»-Beziehung zu erfüllen
sind. Ich habe mich und vielleicht auch den Leser überzeugt, daß
keines der untersuchten Kriterien eine notwendige Bedingung liefert.
Die Bezugnahme auf die »Kausalgeschichte» einer Fotografie
oder eines naturalistischen Gemäldes erwies sich als Beschwörung
kontingenter faktischer Umstände, die für die Herstellung einer
endgültigen visuellen Darstellung vielleicht tatsächlich erforder-lich
sind, die jedoch deren Eigenart als Bild nicht aufgrund logi-scher oder
sprachlicher Notwendigkeit bestimmen. Bei der Be-trachtung von außergewöhnlichen,
aber logisch möglichen Fällen, bei denen abweichende Kausalgeschichten
Bilder produzieren könnten, die von unseren Paradigmnen wirklichkeitsrreuer
Abbil-der ununterscheidbar sind, waren wir in der Lage, die Bezugnahme
auf eine Kausalgeschichte besonderer Art als notwendige oder hinreichende
Bedingung zu eliminieren. Das gleiche Urteil, so ent-täuschend es
auch sein mag, ergab sich bei der Umitersuchung der anderen Kriterien.
I)ie Bezugnahme auf die dem Bildherstcller zu-geschriebenen Intentionen
schien sich in einem hoffnungslosen Zirkel zu verfangen, da gerade die
Spezifikation einer solchen Ab-sicht eine unabhängige Spezifikation
dessen erforderte, was als Er-füllung der Absichten des Herstellers
gelten würde. Das verlok-kende Modell der »Information", das
sein Prestige gewöhnlich ei-ner irrelevanten mathematischen Theorie
entlehnt, erwies sich als eine Täuschung, die letztlich auf nichts
anderes als eine bloße Um-
i 44
benennung des problematischen Begriffs der »Abbildung»
hinaus-läuft. Schließlich endeten wir bei der Heranziehung des
attraktiven Begriffs der Ähnlichkeit zwischen einem Bild und seinem
»Sujet» —nachdem wir das durch die täuschende oberflächliche
Geschlos-senheit der abstrakten Kennzeichnung »Ähnlichkeit»
verdeckte Gewirr von Kriterien aufgelöst hatten — mit nichts anderem
als un-serem anfänglichen Problem, unter dem Deckmantel von Fragen,
was es wirklich bedeutet, wenn man sagt, ein Bild »sehe aus wie»
das, was es darstellt; wobei »aussehen wie» in den entscheidenden
Fällen gar nicht richtig einem Punkt-für-Punkt-Vergleich mit
ei-nem unabhängig gegebenen Vergleichsgegenstand angenähert werden
kann.
Bleiben wir nun mit leeren Händen zurück? Müssen wir
uns ein-gestehen, daß die von uns angestellte Untersuchung ein völliger
Fehlschlag ohne Aussicht auf Verbesserung ist? Solche Folgerun-gen wären
meines Erachtens voreilig. Es muß hervorgehoben wer-den, und zwar
mit Nachdruck, daß der Ausschluß einer vorge-schlagenen Bedingung
als notwendiges und hinreichendes Krite-rium keineswegs beweist, daß
diese Bedingung für die Anwendung des fraglichen Begriffs irrelevant
ist. Es wäre zum Beispiel völlig falsch zu unterstellen, die
Kenntnis des normalen Herstellungs-vorgangs von Forografien und das Wissen
von den wahrnehmba-ren Veränderungen, die in der Reihe: gezeigte Szene
— Negativ —endgültiges Positiv auftreten, hätten nichts mit unserem
endgülti-gen Urteil über den Darstellungsinhalt der Fotografie
zu tun. Im Gegenteil: Der Grad der Fertigkeit, Fotogtafien zu interpretieren
oder zu lesen, hängt wesentlich von unserem anschaulichen Wissen davon
ab, wie Fotografien in der Regel tatsächlich hergestellt wer-den.38
Erst aufgrund unseres Wissens über die Herkunft der Foto-grafie verstehen
wir, was die Fotografie >,zeigt". In Fällen myste-riöser Herkunft,
z. B. wenn ein Laie eine Röntgenaufnahme be-trachtet, wird (las Verstehen
mangels relevanten Faktenwissens von der Entstehung der Aufnahme erschwert.
Bei umstrittenen oder mehrdeutigen Fällen kann die spezifische Bezugnahme
auf die Herstellungsumstände tatsächlich notwendig sein, um zu
bestim-mnen, was das Sujet ist. 39
Ähnliche Bemerkungen treffen beim gegenwärtig in Verruf gera-tenen
Bezug auf die Intentionen des Herstellers zu.40 Obwohl wir ,,Abbildung"
oder >,verbale Darstellung". nicht ohne vitiösen Zir-kel mit Hilfe
der Intention definieren können, kann es manchmal
145
durchaus angemessen, ja, bisweilen sogar entscheidend sein, sich auf
die Intentionen des Herstellers zurückzubeziehen, um genau jenes Bild
lesen zu können, in dem seine Intentionen schließlich in dem
Maße verkörpert sind, wie sie erfolgreich waren. Würden
wir hier, wie oben angedeutet, ebenfalls behaupten, wir könnten Fo-tografien
oder Gemälde ohne jeden wiederholten Bezug auf das verstehen, was
Fotografen und Maler zu erreichen suchen, so wäre dies unrealistisch.
Ähnliche Argumente lassen sich schließlich im Hinblick auf
»Ähnlichkeit» und »aussehen wie» festhalten.
Unsere berechtig-ten Bedenken, daß diese beiden Einzelbegriffe keine
endgültigen Bedingungen für den umfassenden Begriff liefern können,
dürfen nicht den Nutzen verdecken, den der Verweis auf gelegentliche
Punkt-für-Punkt-Vergleiche oder — wenn wir einen Sprung in ei-nen
anderen Bereich machen — auf die »Weise, wie das Bild aus-sieht»,
oder einfach darauf, ,,was wir auf dem Bild unvermeidlich sehen»,
haben kann.
Die Lehre, die aus dem anfänglich verwirrenden Ergebnis unserer
Untersuchung gezogen werden muß, ist, daß der Begriff der »Ab-bildung»
dem entspricht, was als ,,Bereichsbegriff» oder ,,Häu-fungsbegriff»41
bezeichnet wird. Die in Betracht gezogenen Krite-rien — und vielleicht
noch weitere, die wir übersehen haben — bilden einen Schwarm, und
keines von ihnen ist für sich genommen not-wendig oder hinreichend;
aber jedes ist in dem Sinne relevant, daß es potentiell zur richtigen
Anwendung des Begriffs der Abbildung beiträgt. In vollkommen klaren
Fällen weisen alle relevanten Krite-rien zusammen auf das gleiche
Urteil hin, ob wir uns nun auf das stützen, was wir über die
Herstellungsmethoden, die Intentionen des Herstellers oder das bloße
Aussehen des Bildes wissen, wie es einem kompetenten Betrachter erscheint,
der die Tradition, in der es angesiedelt ist, hinreichend kennt.42
Ein Leser, der mit dieser Lehre möglicherweise einverstanden sein
wird, könnte sich immer noch darüber wundern, weshalb sich gerade
diese Kriterien »gehäuft» haben sollen, wenn »Abbilden‘<
korrekterweise als ,,Bereichs-» oder ,,Häufungsbegriff»
aufgefaßt werden muß. Eine Antwort könnte darin bestehen,
den Fragestel-ler zum Gedankenexperiment aufzufordern, sich Bedingungen
vorzustellen, unter denen die Kriterien dissoziiert wären.43 Die Pointe
unseres Abbildungsbegriffs — des >,einzigen» Begriffs, den wir haben
— könnte dann deutlicher werden. Eine solche Antwort
146
ist jedoch, ungeachtet ihres pädagogischen Werts, eher auswei-chend.
In unserem Bericht fehlt etwas von allererster Bedeutung, näm-lich
jede Berücksichtigung der Zwecke jener Tätigkeiten, in deren
Verlauf die in unserer Kultur als >Bilder< anerkannten Gegenstände
produziert werden. Keine Beschreibung des Abbildungsbegriffs oder der unter
dieser Kennzeichnung gebündelten verwandten Be-griffe kann ohne eine
Untersuchung solcher Zwecke adäquat sein.
Die Schwäche unserer Diskussion zeigt sich schon im Zusam-menhang
mit unserer Beschreibung dessen, wie Fotografien abbil-den. Über Fotografien
wird in diesem Aufsatz gesprochen, als ob sie Gegenstände ohne erkennbare
Verwendung und somit ohne faßliches Interesse wären. Offensichtlich
sind wir jedoch an Foto-grafien sehr interessiert, und zwar aus einer Reihe
von Gründen. Wenn wir uns auf eines dieser Interessen konzentrieren,
zum Bei-spiel die Identifikation von Personen (etwa anhand von Paßbil-dern),
werden wir unschwer erkennen, weshalb einige unserer Kri-terien mit diesem
Zweck übereinstimmen. Natürlich ist es keines-falls leicht, ohne
jeden Anschein von Gründlichkeit die vielen Zwecke zu beschreiben,
denen Fotografien in unserer Kultur die-nen; und wenn wir auf den komplizierten
Bereich von Kunstge-genständen übergehen, vervielfachen sich
die Schwierigkeiten. Die Lehre, die daraus gezogen werden muß, ist
jedoch die, daß Klar-heit über die Grundbegriffe der künstlerischen
Darstellung nicht allein vom Prozeß der logischen Analyse erwartet
werden kann, so raffiniert deren Apparat aus >~Häufungsbegriffen»
und ,,Familien-ähnlichkeiten» auch sein mag, sondern daß
dazu eine weniger strenge und gründlichere Erforschung der Herstellung
und des Er-kennens von Kunstgegenständen innerhalb von »Lebensformen»
erforderlich ist. Hier ist jedoch kaum der Ort, Fragen auszubrei-ten, die
bereits seit allzu langer Zeit debattiert werden.44
Anmerkungen
Es besteht hier eine offensichtliche Analogie zur Unterscheidung zwischen Bedeu-tung und Referenz bei verbalen Beschreibungen. Im Falle einer solchen Beschreibung entspricht die Originalszene — falls es eine gibt — der Entität oder dem Ereignis, das durch die Beschreibung identifiziert wird. Das vom Gemälde gezeigte Sujei ist der
,47
Bedeutung oder dem Sinn der Beschreibung analog, der dem Gemälde
anhaftet,. gleichgültig, ob durch die Beschreibung eine tatsächliche
Entität oder ein tatsächliches Ereignis identifiziert wird.
2 Vgl. die entsprechende analytische Aufgabe für den ,,Begriff
der Ursache~, wo meines Erachtens allenfalls eine ähnliche Kartographie
von Bedeutungsvarianten er-wartet werden kann, aufgebaut auf einer Darlegung
der relevanten A nwendungskrite-rien, die diesen Varianten zugrunde liegen.
3 Ich lasse hier die vorher eingeführte Unterscheidung zwischen
dem gezeigten und detn geschilderten Sujet bewußt außer acht.
Die sofortige Anwendung dieser Unter-scheidung könnte mit der ersten
hier zu betrachtenden Antwort in Konflikt gera-ten.
4 ,,Es wird von Nutzen sein, wenn wir Bilder als Spuren natürlicher
oder künstlicher Art betrachten. Schließlich ist eine Fotografie
ja nichts anderes als eine natürliche Spur, eine Reihe von Abdrücken,
... .] die auf der Filmemulsion von den unterschied-lich verteilten Lichrwellen
zurückgelassen wurden, die zu chemischen Veränderungen führten
und die wiederum durch weitere chemische Prozesse sichtbar und dauerhaft
gemacht werden" (Gombrich 1969, 5. 36).
5 Einige Zuhörer meiner Vorlesung, auf der dieser Aufsatz beruht,
waren bereit, diese Auffassung zu akzeptieren, mit der Behauptung, die
Ätiologie habe den Vor-rang, gleichgültig, wie enttäuschend
die resultierende ,,Spur" auch sei. Dieses Beispiel verdeutlicht die Überzeugungskraft
des Kausalmodells, die auch dann erhalten bleibt, wenn es zu den absurdesten
Konsequenzen führt.
6 Unter dem Einfluß von J. J. Gibsons Arbeiten über die
Wahrnehmung hat Gom-brich vorgeschlagen, statt über ,,Interpretation"
darüber zu reden, wie ,,das sensori-sche System die in der Energieverteilung
der Umgebung enthaltene lnformation abta-stet und verarbeitet" (Gombrich
1969, 5. 47). Er fügt hinzu, daß er ,,sich völlig der Gefahren
neuer Wörter bewußt ist, vor allem Modewörter, die zu neuen
Spielzeugen von geringem Wert werden" (ebda.) Gleichwohl stützt er
sich in seinem Aufsatz stark auf den von ihm so verstandenen ,,Begriff
der Information, wie er in der Kommunika-tionstheorie entwickelt wurde"
(5. 50).
7 Vgl. Shannon und Weaver (1949) und Cherry (1966) für Erklärungen
der techni-schen Theorie. Ironischerweise haben Experten der Informationstheorie
offenbar er-folglos wiederholt gegen die Gleichsetzung von ,,Information"
in der technischen Theorie mit den Bedeutungen dieses Wortes in der gewöhnlichen
Sprache und die dar-aus entstehenden irrefülsrenden Folgen protestiert.
8 Vgl. Cherry (1966), 5. 308.
9 Vgl. vor allem Bar-Hillel (1964), Kap. 15-17, und Hintikka (1970).
Bar-Hillel sagt: ,,Es muß vollkommen klar sein, daß zwischen
diesen beiden Maßen, d. h. der Summe der durch eine Aussage übermittelten
(semantischen) Jnformation und dem Maß für die Seltenheit von
Symbolsequenzarten [unsere ,,selektive Information~~]gar kein /ogischer
Zusammenhang hesteht, auch wenn diese Symbolsequenzen mit dieser Aussage
typografisch identisch sind" (5. 286; Herv. im Original). Und weiter: Der
Begriff der semantischen Information hat eigentlich mit Kommunikation überhaupt
nichts zu tun" (5. 287; Herv. ins Original) -~ utsd deshalb hat er auch
nichts zu tun mit dem Begriff der Information, der relativ zu Kommunikationssystemen
definiert wird. Andererseits sagt Hintikka, er sei ,,zunehmend skeptisch
geworden gegenüber der Möglichkeit, zwischen statistischer Informationstheorie
und der semantischen In-formationstheorie eine strikte Grenze zu ziehen"
(5. 263). Sein Vorschlag, die seman-tische Informationstheorie solle beginnen
mit ,,der allgemeinen Idee, daß Information der Eliminierung von
Ungewißheit gleichkomme" (5. 264)— eine Formulierung, die,
148
wie oben erklärt wurde, auf den Fall der selektiven (statistischen)
Information zu-treffen würde—, zeigt die Verbindung, auf die Hintikka
sich stützt— trotz Bar-HilleIs energischens Versuch, die beiden Begriffe
auseinanderzuhalten.
10 Hintikka (1970), 5. 3.
ti Der gewöhnlichen Sprache wird hier zugegebenermaßen Gewalt
angetan. Im ge-meinen Verstand würde der Gebrauch von ,,Information"
für das reserviert, was von der Fotografie über die Originalszene
vermittelt wird. Es wäre paradox, vom Ge-mälde einer imaginären
Szene anzunehmen, es liefere jemandem Information —ebenso paradox wie die
Unterstellung, Die Pickwickier enthielten Information über Herrn Pickwick.
12 Aufgnind der plausiblen Annahme, daß die beiden Familiennamen
in den fragli-chen Populationen mit gleicher Häufigkeit vorkommen.
13 Ich glaube nicht, daß bereits jemand versucht hat, den Begriff
der semantischen In-formation auf visuelle Darstellungen anzuwenden. Eine
Schwierigkeit — und vermut-lich nicht einmal die größte — wäre
die, eine bestimmte visuelle Darstellung in einer Weise zu "gliedern" die
der Gliederung von Aussagen einer bestimmten Sprache in eine geordnete
Reihe von Phonemen entspricht. Wenn wir uns eine Fotografie oder ein Gemälde
nicht in analoger Weise aus atomaren Zeichen zusammengesetzt denken, die
den Phonemen entsprechen, wird die angestrebte Analogie kaum eine Handhabe
finden. Überdies besteht natürlich die Schwierigkeit, die hinter
jedem Versuch ver-borgen ist, Gemälde oder andere visuelle Darstellungen
an Behauptungen mit poten-tiellem Wahrheitswert anzugleichen. Dies ließe
sich höchstens bei technischen Zeich-nungen, Diagrammen oder anderen
Darstellungen denken, die so aufgebaut sind, daß sie vorgegebene
Tatsachen übermitteln (,,Information" im gewöhnlichen Sinne),
wäre hingegen kaum ohne große Verzerrungen auf unser Haupibeispiel
der Malerei über-tragbar.
14 Natürlich möchte ich nicht bestreiten, daß wir einige
Dinge, die wir aus Foto-grafien lernen können, auch in Worte fassen
können. Wenn jemand dies durch die Be-hauptung ausdrücken will,
die Information könne aus einer solchen Fotografie zu-sammengetragen
werden, schadet dies nicht. Wir werden aber so niemals in der Lage sein,
das Sujet der Fotografie zu identifizieren. An dieser Stelle ist man versucht
zu sa-gen, daß in einem bestimmten Sinne das visuelle Sujet nur gezeigt
werden kann.
15 Vgl. Grice (1957) und (1969) zur Ausarbeitung und Modifizierung
seiner Position in Reaktion auf Kritik.
16 Die Einzelheiten sind Isier ohne Belang. Die Neuartigkeit des Ansatzes
von Grice besteht darin, zwischen einer Primärintention auf der Seite
des Sprechers, beim Hörer einen bestimmten Glauben oder eine Handlung
zu bewirken, und einer Sekundär-Intention zu unterscheiden, wonach
die Anerkennung jener Primärintention für den Hörer als
Grund dienen soll, die Prirnärintention zu erfüllen.
17 Hirsch (1967), 5. 31. Die Bezugnahme auf Bedeutung als etwas, das
anderen übermittelt und von anderen geteilt werden kann, zeigt, daß
Hirsch nicht in vereinfa-chender Manier den Inhalt einer Außeruzsg
mit dem Inhalt der Sprecherintention gleichsetzt. Vgl. zur Ausarbeitung
seiner Auffassungen zu diesem Punkt 5. 49-50
nes Buches. (;egen Hirschs nachdrücklichen Anspruch, zur Sicherung
adäquater Text-Interpretationen die Intentionen des Autors heranzuziehen,
habe ich keine Einwän-de.
t8 Ein ähnliches Argument ist von G. E. M. Anscoinbe zutreffend
formuliert wor-den (vgl. Anscombe 1969). ,,Wenn der Gedanke, sich zu verheiraten,
für das Heiraten wesentlich ist, dann gehört die Erwähnung
des Gedankens, daß man sich verheiratet, in eine Erklärung dessen,
was Sicli-Verheiraten heißt; wird dann aber nicht eine Erklä-
149
rung dessen erforderlich sein, was Sich-Verheiraten heißt, wenn
man den Gedanken-inhalt wiedergeben soll, falls man sich verheiratet?.
(5. 61) Wird Gedanke durch In-tention ersetzt, entspricht die Struktur
meinem oben angeführten Argument.
19 Tatsächlich ist dies die Struktur der Analyse nichtnaturlicher
Bedeutung bei Grice, die somit dem Einwand unmittelbarer Zirkularitat nicht
ausgesetzt ist.
20 Es könnte sich als interessantes Merkmal der logischen Grammatik
von >abbildet< erweisen, wenn es wahr wäre, daß aus >P bildetS
ab, folgt: >Der Hersteller vonP in-tendierte, P solIS abbilden<. (Vgl.:
,Das zählt nur dann als Spielzug, wenn der Spieler diesen Zug auch
zu machen intendierte" — was nicht zirkulär zu sein braucht und tat-sächlich
informativ sein kann.) Leider trifft aber auch das nicht zu: Die Fotografie
kann einiges zeigen, was deren Hersteller nicht zu zeigen beabsichtigte
und auch nachträglich nicht seiner Intention anpassen würde.
Es gibt so etwas wie nichtinten-tionales Zeigen — ebenso wie es so etwas
wie nichtintentionales Sprechen gibt.
21 Das trifft für den Fall der Intention nicht unbedingt zu: Was
dem Künstler in Ubereinstimmung mit einer verkörperten Intention
erfolgreich gelang, bestimmt normalerweise den eigentlichen Charakter des
Produkts.
22 Wir könnten sagen, die einzige relevante Intention sei die,
deren Verkörperung im Gemälde dem Künstler gelang. Natürlich
kann uns das Wissen über den Hintergrund
— die Tradition, in der der Künstler arbeitete; den Zweck, den
er verfolgte, und andere Dinge — dabei helfen, sein Gemälde zu "lesen",
aber eine befriedigende Lektüre muß sich am Ende auf dem aufbauen
lassen, was im Gemälde zu finden ist.
23 Für Auffassungen dieser Art vgl. Gombrich (1961) passim. Nach
Gombrichs auf-schlußreichen und detaillierten Ausführungen zur
"Illusion" in seinem großen Buch und an anderen Orten möchte
ich ihm nicht eine vereinfachte Auffassung der Rolle der Illusion in der
Kunst ankreiden. Daß er der Illusion zwar eine zentrale aber kei-neswegs
ausschließliche Rolle zuzuschreiben scheint, wird durch Stellen angedeutet
wie die folgende: 4.. .] die Illusion, die ein Bild vermitteln kann,, (Gomhrich
1969, 5. 46). Er hat jedoch immer sorgfältig den ,Unterschied zwischen
einer Illusion und einer Täuschung. (a.a.O., 5. 6o) hervorgehoben,
wie es auch in meiner Absicht liegt.
24 Ich behaupte nicht, daß ,,durch die Oberfläche hindurchblicken"
die für alle ab-strakten Gemälde richtige Betrachtungsweise ist:
Im Falle Mondrians wissen wir, daß dies seinen Intentionen zuwiderlaufen
würde. Meine Behauptung ist lediglich, daß die Auffassung von
der Abbildung als Illusion einen viel größeren Bereich von Beispielen
umfassen kann, als gelegentlich angenommen wird.
25 Das unbestreitbare Interesse für solche Fragen bei Psychologen
wie J. J. Gibson (vgl. z. B. sein Buch von 1968) ergibt sich aus dem Bedürfnis
nach Erklärung, wie der auf das Auge auftreffende Strahlungsenergiefluß
so verarbeitet werden kann, daß der Betrachter den Pudel korrekt
als körperhaft, in einem bestimmten Abstand usw. se-hen kann. So wichtig
die Antworten auf derlei Fragen auch sein mögen, uns betreffen sie
hier nicht. Beispiele für wirklichkeitstreue Erfahrungen sind ausreichend
bekannt, so daß sie als Erklärungen für die problematischeren
Fälle des Sehens-als-ob verwen-det werden können.
26 "Wenn das Auge über das Bild gleitet und über den Rahmen
hinweg auf die Wand, anderes aufgehange ist, kann es gar nicht umhin, auch
wenn das Gemälde noch so ge-schickt gemacht ist, eine Diskrepanz oder
Diskontinuität festzustellen, die für die Il-lusion tödlich
ist." (Wollbeim 1963, 5. 25). Damit wird ohne Begründung unterstellt,
daß eiise Illusion nur dann eine ist, wenn sie vollständig ist.
Stellen wir uns eine Öffnung vor, durch die hindurch ich draußen
eine wirkliche Landschaft sehen könn-te: Was dann geschieht, wenn
mein Auge über die Wand gleitet und so weiter, würde
150
mich nicht daran hindern, zu behaupten, ich hätte die Landschaft
gesehen.
27 Ein Beispiel ist Roy Campbells Reaktion, als er zum ersten Mal Schnee
erblickte, den er vorher nur auf Gemälden gesehen hatte: "Nach Bildern
hatte ich mir vorge-stellt, Schnee sehe aus wie Wachs und Schneeflocken
wie geschabte Kerzen.‘ (Zit. nach Gombrich [1961], 5. 221; deutsche Ausgabe
5. 246).
28 Vgl. das berühmte "Konstanzphänomen. (vgl. dazu beispielsweise
Hochberg [1964], 5. 50). Wenn wir einen Pudel sehen, sehen wir auch aus
verschiedenen Blick-winkeln und Entfernungen und unter verschiedenen Lichtverhältnissen
tatsächlich denselben Pudel. Weshalb sollten wir also nicht in der
Lage sein, den Pudel auch durch jede beliebige Verzerrung hindurch zu sehen,
die auf das künstlerische Medium und dessen Behandlung durch den Künstler
zurückzuführen ist? Wenn wir den Pudel im Mondlicht oder gar
in einem Trickspiegel wiedererkennen können, weshalb dann nicht durch
ein sozusagen geheimnisvolles Gemälde?
29 Auch in einer stark verzerrten Darstellung können wir manchmal
die einzelnen wirksamen Elemente zergliedern, indem wir einen Umriß
oder Farhfleck als Gesicht, einen anderen als Arm auffassen usw. (wobei
es jedoch nicht als notwendig erscheint, daß wir dazu immer in der
Lage sein müssen). Der Bezug auf derartige Anhaltspunk-te, sofern
sie als solche aufgefaßt werden sollten, fügt sich nicht so
leicht in die hier un-tersuchte Konzeption ein.
30 Beardsley (i 951), 5. 270. Ich möchte Beardsley nicht eine
Version der Auffassung von der Abbildung als Illusion anhängen. Ein
Vertreter der Auffassung, das Wesen der wirklichkeitstreuen naturalistischen
Abbildung sei in einer Ahnlichkeitsbezie-hung zu finden, braucht sich nicht
einer Ansicht über die resultierende ,Illusion‘ zu verpflichten, obwohl
beide Auffassungen gut zusammenpassen.
Die archetypische Situation für unsere gröbsten Ahnlichkeiesauffassungen,
wie sie sich aus dem Vergleich von Gegenständen ergeben, ist die,
daß beide Gegenstände vor unseren Augen nebeneinander stehen
und daß man sie ansieht, um relevante Ahnlich-keiten ,wahrzunehmen..
Der "Vergleich" der äußeren Erscheinungen würde jedoch
eine Art von Blicken zweiter Stufe auf Blicke erfordern. Vielleicht kann
dies manch-mal sogar erreicht werden. Es scheint jedoch nichts mit dem
zu tun zu haben, was ge-schieht, wenn wir auf einem Gemälde etwas
als ein Pferd sehen. Es ist nicht so, daß wir im selbstbeobachtenden
"Auge des Geistes. das Aussehen des jetzt Gesehenen mit dem zu erwartenden
Aussehen vergleichen, wenn wir einem Pferd gegenüberstehen. Die Behauptung:
"Das sieht wie ein Pferd aus‘ verweist sicherlich auf eine primitivere
Operation.
32 Wichtig ist, daß diese logischen Merkmale in den normalsprachlichen
Anwendun-gen von "aussehen wie, nicht immer exemplifiziert werden. Wenn
A aussieht wie R, brauchtB nicht auszusehen wie A, und die beiden müssen
nicht gleich aussehen. Eben dieses Argument läßt jede einfache
Bezugnahme auf Ahnlichkeit oder Gleichartigkeit (als Ersatz für den
weniger anspruchsvollen, aber gewichtigeren Begriff des Ausse-hens-wie)
so unbefriedigend erscheinen.
33 Dieser Einwand wird häufig erhoben. "Ein Objekt ist sich selbst
im Höchstmaß ähnlich, aber es repräsentiert sich selbst
selten. (. . .) Ähnlichkeit ist im Unterschied zur Repräsentation
symmetrisch. [. . .) Offensichtlich ist kein Grad der Ähnlichkeit
eine hinreichende Bedingung für die Repräsentation.. (Goodman
[1961], 5. 4; deut-sche Ausgabe 5. 15 f.)
34 Ich will damit nicht behaupten, daß die beiden Ausdrücke
sich immer ersetzen können. Vielmehr werde ich im folgenden zeigen,
daß die einander zugeordneten Ge-brauchsmuster erhebliche Unterschiede
aufweisen.
35 Ich gebrauche dieses Wort hier ungefähr in der Weise wie es
Wittgenstein in seinen
151
späteren Schriften häufig tat. Vgl. zum Beispiel eine so
bezeichnende Bemerkung wie:
,Es hatte sich mir das Bild von der besonderen Atmosphäre aufgedrängt"
(Wittgen-stein [1953], 5. 158; deutsche Ausgabe 5. 469 [§607]. Wittgensteins
Begriff des ,Bil-des‘ verdient mehr Aufmerksamkeit, als ihm bis heute zuteil
geworden ist. Viele un-serer Schlüsselwörter sind verbunden mit
dem, was man als semantische Mythen be-zeichnen könnte, als Konzeptionen
exemplarischer und archetypischer Beispiele, bei denen der Gebrauch eines
Ausdrucks sich in unübertrefilicher Weise zu manifestieren scheint.
Eine derartige archetypische Situation ist nicht bloß ein Paradigma,
sondern sozusagen ein Paradigma von Paradigmen, bei dem wir glauben, das
Wesen von der Bedeutung des Ausdrucks in einer einzigen aufhlitzenden Einsicht
erfassen zu kön-nen. Es ist so, als ob die außergewöhnliche
Komplexität des tatsächlichen Gebrauchs dieses Ausdrucks sich
zu einer dramatischen und denkwürdigen Fiktion verdichte. In dem Maße,
wie wir durch einen solchen urtümlichen Mythos beherrscht werden,
nei-gen wir zu Konzeptualisierungen, die ans Prokrustesbett erinnern —
zu einer ver-krampften, weil übervereinfachten Konzeption der Wortbedeutung.
(Natürlich hat Wittgenstein dies viel besser formuliert.)
36 Eine Ausnahme dazu wäre ein Fall, bei dem wir das Modell eines
Porträts oder die tatsächliche Szenerie einer Landschaft zu identifizieren
versuchten. Bei solchen Son-derfällen könnten wir sagen: ,Es
sieht wie Borgia aus‘, oder: ,Es sieht aus wie Salis-bury Plains". Das
würde die Anwesenheit eines sichtbaren Beweises für die fragliche
Identifikation einschließen.
37 Dieses Argument überzeugender zu formulieren wird dadurch erschwert,
daß die hier diskutierten Woregebräuche elastischer und variabler
sind, als ich vielleicht be-haupte. Ich bezweifle nicht, daß >Ist
ähnlich< manchmal auch ohne Fehler oder Mehr-deutigkeit als kontextuelles
Synonym für >Sieht aus wie‘ gebraucht werden kann. So-fern ich mich
nicht irre, existieren jedoch die Unterschiede im Gebrauch, die ich her-vorzuheben
versuche, tatsächlich, und sie könnten in einer längeren
und mübsameren Untersuchung auch klarer festgehalten werden.
31 Es lällt sich vermuten, daß beider angeblichen Unfähigkeit
von Angehörigen pri-mitiver Kulturen, Fotografien beim ersten Anblick
zu verstehen, einer der Faktoren auf das Nichtwissen von der Herstellungsweise
zurückzuführen ist. Wenn diese ver-wirrten Interpreten die Möglichkeit
hätten, die Stufen des Herstellungsprozesses zu verfolgen und das
Negativ mit der Außenwelt zu vergleichen, könnten sie vermutlich
einen Anhaltspunkt für das gewinnen, was Stenius als den ,Schlüssel‘
des relevanten Darstellungssystems bezeichnet hat (vgl. Stenios [1960],
5. 93; deutsche Ausgabe 5. 147, wo dieser nützliche Terminus ,Schlüssel‘
jedoch in einem stärker eingeschränk-ten Sinne gebraucht wird).
Für Berichte über die Unfähigkeit von Primitiven, Foto-grafien
zu "verstehen", vgl. als Beispiel Segall et. al. (1966), 5. 32-34.
39 Einige interessante Beispiele finden sich bei Gombrich (1969). So
wüßten wir zum Beispiel mit einer Illustration von den ,Spuren
eines Austernfängers" nichts anzufan-gen ohne den Begleitkommentar
(5. 5-36), der unter anderem erklärt, daß der abge-bildete Vogel
durch einen Künstler einer Fotografie überlagert wurde. Die Kenntnis
dieser ungewöhnlichen Kausalgeschichte beeinflußt unser "Lesen"
entscheidend. Zu berücksichtigen sind auch die von Gombrich im selben
Aufsatz behandelten Falle, bei denen wir Fotografien von absichtlich getarnten
Gegenständen "interpretieren" müs-sen (5. ff.) Ich stimme mit
Gomhrich überein, daß "Wissen und ein unsfassender Kenntnisstand
sicherlich den Schlüssel zur Interpretationspraxis bilden‘ (5. Ich
glaube jedoch, daß dies auch ein Schlüssel für die Beherrschung
des relevanten Inter-pretationsbegriffs ist.
40 Es ist hier kaum der Ort, den sogenannten ,intentionalen Fehlschluß"
zu behan-152
dein, den Wimsatt (1954) eindrücklich kritisiert hat. Hirsch gibt
einen nützlichen Hinweis auf den häufig übersehenen Umstand,
daß Wimsatt und sein Mitarbeiter Monroe Beardsley "sorgfältig
zwischen drei Typen intentionaler Gewißheit unter-schieden und nachwiesen,
daß nur zwei davon korrekt und zulässig sind‘ (Hirsch
[1967], 5. 11).
41 Für die allgemeine Methodologie der Behandlung solcher Begriffe
vgl. Black (1954), Kap.
42 Schwierige Fälle der "Interpretation" ergeben sich typischerweise
dann, wenn zwischen den bestimmenden Kriterien ein realer oder scheinbarer
Konflikt besteht. Zum Beispiel dann, wenn wir sichere Beweise haben für
die Intentionen des Herstel-lers und für die Mittel zur Realisierung
seiner Intentionen innerhalb der Tradition, der er angehört, aber
die angestrebte Verkörperung im Bild selber noch nicht "sehen" können
und nicht wissen, ob wir die Schuld dafür dem Künstler oder uns
selber zu-schreiben müssen.
Indem wir uns zum Beispiel in allen Einzelheiten vorstellen,
wie die Situation wäre in einem "Stamm" (diesem bequemen geistigen
Konstrukt), dessen Angehörige äußerst interessiert wären
an ,gesehenen. Bildnissen, unter völliger Mißachtung der Intentionen
oder Hersrellungsweisen, die für solche Gegenstände verantwortlich
sind.
44 Eines der großen Verdienste von Wollheims anregendem kleinen
Ästhetikbuch (Wollbeim [1968]) besteht darin, daß er eine solche
Diskussion in Gang bringt.
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